Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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seines Verhaltens Kapper und dem Tschechojudentum gegenüber zu einem Antisemiten stempeln. Das Gegenteil hievon bewies er mit seinem Aufsatz „Emanzipation der Juden" („Slovan", Oktober 1850), in dem er sehr mannhaft für die Gleichstellung der Juden mit ihren nicht jüdischen Mitbürgern eintrat; und wenn er gelegentlich in seinen Epigrammen auch über das Judentum Polens spottete („Galiziens Patrone", „Astronomie eines polnischen Juden"), so darf er dennoch nicht zu den antisemitischen Schriftstellern gezählt werden., Ablehnend und feindselig verhält sich dem Judentum gegenüber ein anderer tschechischer Dichter, Jan Neruda (1834—1891). Dieser spielt in der tschechischen Literatur eine hervorragende Rolle, er ist der erste tschechische Dichter von so großem Format, daß er zu den Schriftstellern der Weltliteratur gezählt zu werden verdient. Und gerade darum kann es uns nicht gleichgültig bleiben, wie dieser, sonst so fortschrittlich gesinnte Dichter über uns Juden denkt und schreibt. Neruda war nicht immer Antisemit gewesen. In seiner Jugend fand er im Judentum viel Poesie, durch die er sich angezogen fühlte; sah er einen unter schwerer Last ächzenden Hausierer, so wurde sein Mitgefühl für ihn geweckt; als Gymnasiast zählte er jüdische Mitschüler zu seinen besten Freunden. Als einmal sein Kamerad, Seligmann HelLer,5) bei der Angabe des „Nationale" dem Lehrer vor der ganzen Klasse anstatt des verschämten Ausdrucks „Israelit" mit Stolz erklärte: „Ich bin ein J u d e", da imponierte das dem Knaben Neruda und er lernte von dem Judenjungen, stolz zu sein auf sein Volkstum. Als Journalist stand er anfangs unter dem Einfluß Börnes, als Dichter unter dem Einfluß Heines. Und so fand Jan Neruda am Anfang seiner dichterischen Laufbahn Töne des Mitgefühls für das Judenleid und Worte der Empörung über die Unterdrückung der Juden. Gleich Nebesky hoffte auch er, die Juden würden ihre geistigen Kräfte dem tschechischen Volke zur Verfügung stellen. Als er sich in seinen Erwartungen getäuscht sah, schwenkte er zum Antisemitismus ab. Nerudas Antisemitismus war ein r e i n v ö 1 k i s c h e r. Er schloß die tschechisch gesinnten Juden davon aus. „Ich liebe die Juden nicht, ich bin Antisemit", sagt er in einem seiner Feuilletons (Ges. Sehr. XXX 449), „und ich hoffe, daß alle ehrlichen tschechischen Juden gleich mir Antisemiten sind." Siegfried Kapper widmete er nach dessen Tode zwei warm gehaltene Nachrufe („När. listy" v. 18. VI. 1879 und „Humor, listy" v. 21. VI. 1879). Dagegen reizten ihn die deutschliberalen Journalisten David Kuh, Ign. Kuranda, Raudnitz u. a., die das tschechische Volk verhöhnten und gegen dasselbe hetzten, zu einer Feindschaft gegen das gesamte Judentum. Den schärfsten Ausdruck fand Nerudas Antisemitismus in dem 7