Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 3 (1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Einleitung. Die tschechische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts steht dem Judentum zum Teil wohlwollend, zum Teil feindselig gegenüber. Die feindselige Einstellung gewisser tschechischer Schriftsteller wurde hauptsächlich dadurch hervorgerufen, daß die Mehrheit der Juden in gemischtsprachigen, ja selbst in ganz tschechischen Gegenden bis an die Wende der beiden letzten Jahrhunderte und sogar darüber hinaus in nationalpolitischer Beziehung deutsch gesinnt war. Man machte und macht noch heute tschechischerseits den Juden den Vorwurf, daß sie sich im Gegensatz zu ihren Glaubensgenossen in anderen Ländern ihrem Wirtsvolke gegenüber ablehnend verhalten und am Deutschtum zähe festhalten. Zur Erklärung mancher Erscheinungen, denen wir im Laufe der Arbeit begegnen werden, will ich einleitend einen kurzen Überblick über die nationalpolitischen Verhältnisse der im tschechischen Sprachgebiet wohnhaften Juden vorausschicken. Die Tatsache, daß die Mehrheit der Juden, selbst im tschechischen Sprachgebiet, bis zum Anfang dieses Jahrhunderts deutsch fühlte, ist historisch vollständig begründet. Die Juden konnten sich den Germanisierungsbestrebungen Kaiser Josefs ebensowenig entziehen wie die Tschechen. Sie mußten deutsche Namen annehmen, in ihren Schulen die deutsche Sprache einführen, die Matriken deutsch führen. Und sie fügten sich den kaiserlichen Anordnungen um so lieber, als sie in ihrem Landesherrn den Befreier von den drückenden Fesseln des Ghettos und in der deutschen Sprache und Kultur die Brücke zur Toleranz sahen. Als den Juden im Jahre 1848 die Gleichberechtigung zuteil wurde, fanden sie als Deutsch« viel leichter Eingang in die christliche Gesellschaft, als wenn sie sich zum Tschechentum; bekannt hätten, das damals noch eine sozial, minder geschätzte Unterschichte der Bevölkerung bildete. Trotzdem kann bis in die Fünfzigerjahre des XIX. Jahrhunderts von einem deutschvölkischen Bewußtsein der Juden nicht gesprochen werden. Im Ghetto zusammengepfercht, von der christlichen Gesellschaft scharf geschieden, führten sie ein stark ausgeprägtes jüdisches Eigenleben. In den Sechzigerjahren, also zu einer Zeit, wo der tschechische Nationalismus sowohl an Ausbreitung wie auch an Intensität bereits stark zunimmt, werden die Juden von dem in Österreich so mächtigen deutschen Liberalismus ins Schlepptau genommen. Während ihnen die deutschen Zeitungen die Bedeutung und Vorteile des Liberalismus ununterbrochen vor Augen halten, werden sie als Träger des Deutschtums von der tschechischen Presse aufs heftigste angegriffen. 2