Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 2 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 422)
- Language
- German
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407 Mähren, Böhmen, Österreich und auch aus dem Reich, sicherlich ein Hinweis, wie Judengemeinden damals auch anderwärts in Mähren sich gebildet haben dürften. Mehrere Jahrzehnte, ein halbes Jahrhundert lang erfahren wir von der Pirnitzer Judenschaft nichts. Es scheint, daß unter Anton Franz' Sohn Leopold Adolf (f 1707) und unter dessen Nachfolger aus der jüngeren italienischen Linie Vinciguerra (1647—1719), sowie dessen Sohn Anton Rambold (1681—1740) keinerlei wesentlichen Veränderungen eingetreten sind. Unter diesem beginnen mit dem Jahre 1738 die Pirnitzer Herrschaftsakten und setzen sich unter dessen Sohn Thomas Vinciguerra (1710—1768) und dessen Bruder Franz Augustin (1716—1779) in solcher Reichhaltigkeit und guten Übersicht fort, daß sie uns Einblick in das innere Leben der Gemeinde gewähren. Vier „Specificationen" oder „Consignationen", d. h. Verzeichnisse, aus den Jahren 1738, 1741, 1746, 1747 und dann noch eine fünfte aus dem Jahre 1781, wie es einmal heißt, aber für alle gesagt werden kann: „aller auf der gräflich Collaltischen Herrschaft Pirnitz ... in dem Markt Pirnitz befindlichen Jueden . . ." lassen uns vor allem mit fast moderner statistischer Genauigkeit die ganze Populationistik dieser Gemeinde erkennen, nach Zahl, Geschlecht, Beruf, Vermögensstand und wirtschaftlichen Verhältnissen.5) Im Jahre 1738 sind im ganzen 36 Hauspächter — 1679 waren ihrer 18 — und 16 Inleute (Untermieter) vorhanden, 1781 beide Gruppen zusammen in der Zahl von 60, so daß in einem Zeitraum von 43 Jahren nur acht Familien hinzugekommen sind.6) Die Zahl von 56 Familien war übrigens schon um 1745 erreicht, und damals läßt sich auch die gesamte Kopfzahl mit 262 Personen berechnen, drei christliche Bedienstete, die in der Spezifikation mit verzeichnet sind, natürlich nicht mitgerechnet. Das ergibt für eine Familie einen Durchschnitt von nur 4-7 Köpfen. Wir bemerken auch, daß Familien mit 4, 5 oder 6 Kindern sehr wenige vorkommen, allerdings kinderlose Ehen noch seltener, höchstens bei den armen Inleuten. Nur in sieben von den 56 Familien werden Dienstleute gehalten, jüdische, die männlichen heißen „Dienstbote4', einmal „Knecht", die weiblichen werden als Köchin oder Di^nstmagd angeführt. Auch ein „Kinder-Präzeptor" wird einmal erwähnt.