Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 2 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 368)
- Language
- German
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353 hier wohnenden. Für die Armen, die es nicht hatten, sollten die Reichen zahlen, da war große Wehklage in unseren Gassen, denn wir waren wie Fremde, die hier nur übernachteten und der Verdienst war nur sehr gering. Die Behörden jagten ihnen aber besondere Furcht ein, indem sie sagten, wer diese Kopfsteuer nicht zahle, werde auch bei der Rettung Israels nicht inbegriffen sein, wenn unsere Gemeinde wieder erbaut werde wie zuvor. Was sollten diese armen Unglücklichen tun? Sie verkauften und verpfändeten alles was sie hatten, und wenn auch die Vornehmen und Wohltätigen Hollands 2000 Gulden schickten, um vor den Drängern zu helfen, so sättigt doch eine Handvoll nicht den Löwen, da mehr als 5000 Arme hier waren, und auch für die Provinz galt dieselbe Abgabe. Am Dienstag, den 23. Adar (15. März 1746), ging der ausgezeichnete gelehrte Rabbiner R. Abraham Posselberg62) von uns ins ewige Leben. Mein Auge beweint ihn mehr als alle Töchter meiner Stadt, der Stadt voll Gelehrter und Schreiber, wir hofften, in seinem Schatten (Schutze) wollen wir leben, denn er war uns Fels und Zuversicht in der Lehre und im Gottesdienste, nun sind wir ein Schiff, dessen Kapitän gegangen in die künftige Welt, er wurde mit Tränen und Klage zu Grabe gebracht. Gott möge unsere Lücke ausfüllen, um seines Verdienstes willen uns schützen. Am Sonntag, den 14. d. M. Ende August (31. August), zogen alle Mitglieder unserer Gemeinde wie ein Mann aus der Stadt, nicht eine Seele aus unserer großen Gemeinde, Gott beschütze sie, blieb zurück. Zur Bewachung der Gassen und unserer Synagogen wurden ungefähr 55 Soldaten angesiedelt mit großen gewaltigen Kosten, sie die Zerstörer der Stadt rissen die Schlösser aus, und verkauften sie, auch den Nagel in der Wand, ohne daß jemand sie hinderte, keiner von uns durfte hineinkommen, außer wenn es sehr dringend war, über Einschreiten der Behörden und großen Kosten in Begleitung eines Soldaten. Diese zweite Verhängnis, die Vertreibung nach der Vertreibung war schwerer als die erste, denn die Stadt blieb ganz verlassen, da alle vertrieben waren und in großer Zerstreuung nach allen vier Weltgegenden zerstreut worden waren mit Ausnahme der Gemeinde Brandeis, drei Meilen von der Stadt, da ließen sich ungefähr dreihundert Gemeindemitglieder nieder, alle Personen, die hinkamen, waren 1500. Dort wohnten sie sogar in Binder- und Pferdeställen unter großen Steuern und Ausgaben, denn die Teuerung war dort sehr groß geworden; es 23