Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 2 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 361)
- Language
- German
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346 Abgesandten in Wien, daß die Kaiserin, ihre Herrlichkeit werde erhöht, die Vertreibung um 4 Wochen hinausgeschoben habe, vielleicht wird mittlerweile Zeit sein, das Verhängnis ganz abzuwenden, vielleicht wurde damit auch etwas Zeit gewonnen zur Zahlung der obenerwähnten Schulden. Von der Zeit der großen Verwüstimg hatten wir keine Ruhe gefunden, die Armut wurde immer größer, es gab keinen Handel auch nur um einen Heller, unsere Seele verschmachtete, nichts war da, nur auf unsere Hausgeräte waren unsere Augen gerichtet, die wurden um weniger als die Hälfte ihres Wertes verkauft, nicht einmal einen Mantel hatten wir auf unseren Schultern, die meisten gingen in zerfetzten Kleidern, unsere Gesichter waren schwarz wie Raben und wie der Boden des Kochtopfes, wir waren mager durch die vielen schweren Leiden und Lasten und Abgaben und Fasten und Wehklagen, auch bei Nacht schlief unser Herz nicht, da wir Wachen um Wachen hielten mit dem Mitternachtsgebet und vor Tagesanbruch Selichoth und am Friedhof beteten, bei all dem blieb unser Gebet unerhört, alle Tore des Erbarmens waren fest verschlossen; das alles haben unsere Sünden verschuldet Unsere Abgesandten vertrösteten uns von einmal zum anderenmal, von einer Post zur anderen, denn viele waren es, die verleumderisch gegen uns redeten. Am heiligen Sabbat, den 12. d. M. (15. Jänner), schrieben sie uns, daß die Verwendimg der Regierangen von England und Holland bereits in Wien eingelangt seien, am Tage darauf löste das Rabbinat den Bann, den es der Steuern wegen erlassen hatte, denn viele kamen um unserer Sünden willen dadurch zu Falle und starben in kurzer Zeit,56) es versammelten sich alle unsere Gemeindemitglieder in der Synagoge, um die Lösung des Bannes zu hören. Am Donnerstag, den 17. d. M. (20. Jänner) starb Kaiser Karl Albert VII. in München, der Metropole Bayerns, im Alter von 43 Jahren, im 2. Jahre seiner Krönung, nach all den furchtbaren Kriegen, die er und seine Verbündeten geführt hatten. Am Sabbat, den 27, d. M. (30. Jänner) ließen uns die abgesandten Vorsteher wissen, daß die Kaiserin noch immer auf ihrem Beschlüsse beharre und die Frist nicht über Ende des kommenden Monates Februar erstrecke, auch müßten alle großen und kleinen Schulden unserer Gemeinde bezahlt werden, es genüge keineswegs, daß wir alle Gassen und Häuser, Synagoge und Friedhof und Tandelmarkt dalassen; alle Verwendungen der