Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 2 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 325)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2644300-2644303--0782-2645124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
310 der vor Tagesanbruch von Lieben nach. Prag. Als sie in die Nähe des „Invalidenhaus" genannten großen Baues kamen, hielten sie die dort lagernden Franzosen, weil sie des Nachts gingen, für Spione, und schössen mit ihren Flinten nach ihnen. Einer von ihnen, Perez Kazew aus Lieben, fiel, auf das Geschrei der beiden übrigen Juden gingen die Franzosen hin, sie legten ihn auf ein Brett und trugen ihn nach Prag, wo er gegen Abend starb. Am Sonntag wurde er begraben. In dieser Zeit sahen wir von den Dachböden aus die ganze Nacht hindurch Wurfgeschosse, die man Bomben nennt, sie sahen wie Sterne aus, und stiegen auf direkt bis ins Herz des Himmels, hernach fielen sie auf den Schanzen zur Erde, die ganze Nacht hindurch wurden viele Soldaten durch sie getötet, vielen Hände, Füße und andere Gliedmaßen verwundet. Wir dankten Gott und priesen ihn, weil wir sahen, daß die Geschosse nicht weiter reichten als in die Straßen des Hradschin, einige fielen auch auf die Kleinseite nieder, ohne großen Schaden anzurichten, und am Hradschin nahe dem Tor und am Strahov. Andere Prachtbauten wie die Häuser des Grafen Czernin und Schlick wurden bis auf den Grund zerstört; wer kann all diese großen Schäden, die viele Millionen Gulden betragen, abschätzen. Auch befahlen die französischen Machthaber um diese Zeit, daß jeder Jude oder Nichtjude — binnen 24 Stunden ein Verzeichnis all seiner Vorräte an Lebensmitteln, wie Weizen- und Gerstenmehl, Hülsenfrüchte, Hafer, Salz, Butter, Dörrfleisch angeben müsse,21) wer etwas davon verheimliche, sei selbst an seinem Tode schuld. Weiters befahlen sie den Stadtbewohnern, daß sie in diesem Monate 120.000 fl. geben sollten,22) der Altstädter Stadthauptmann verfügte, daß die Juden dazu 27.000 fl. geben sollten, die Gemeindevorsteher ließen ausrufen, daß jeder 2 Kapitale, abgesehen davon die mittleren Steuerträger 5 fl., die Reichen 7 fl. Kopfgeld geben sollten und während dies noch verhandelt wurde, kam schon wieder ein Befehl an die Gemeindevorsteher, daß die Silberhändler und alle, die sonst das Jahr über diese Geschäfte mit der Münze betrieben, der Münze für 2000 f 1. Silber liefern sollten, um Kleingeld zu erzeugen; die Zahlung sollte in französischem Gelde erfolgen. So geschah es auch und so brachte jeder Tag größere Bedrängnis als der frühere, es schmolz das Herz in der Brust vor dem Pfeile, der bei Tag fliegt und dem Schrecken der Nacht, denn in jeder Nacht wurden Bomben