Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 2 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 257)
- Language
- German
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251 jener Zeit verübten Insulte oder Mißhandlungen überschritten hätten. Die Judenschaft in Leipa hatte sich im Laufe der Zeit bei den für sie trotz dem Streit zwischen Stadt und Herrschaft im allgemeinen nicht ungünstigen Verhältnissen nach Zahl und Wohlhabenheit zur bedeutendsten Gemeinde in Nordböhmen entwickelt. Die vorteilhafte Lage der Stadt inmitten einer gewerbsfleißigen Gegend, nahe an dem Kreuzungspunkte von bedeutenden Handelsstraßen, der Rumburger, die aus dem Innern des Landes an die Nordgrenze führte, und der Leitmeritzer, die vom Elbstrom her kommend den Anschluß über die über Niemes und Gabel in die Lausitz laufende, stark befahrene Zittauer Straße herstellte, bot den Leipaer Juden die denkbar beste Möglichkeit zur Betätigung im Handel verschiedener Art. Besonders intensiv betrieben sie den Handel mit Leder, Fellen, Leinwand, Spitzen, Wolle, Federn und Kramwaren. Insbesondere war der Lederhandel in Nordböhmen ganz in ihrer Hand. Von weit geringerer Bedeutung war der Handel mit edlen und unedlen Metallen und anderen Sachen. Dafür aber war das Geld- und Pfandleihgeschäft der Leipaer Juden stark entwickelt. Die Grundobrigkeit stand ihrem ausgebreiteten Handel keineswegs hindernd im Wege. Denn einerseits besorgten sie ihr den Absatz der landwirtschaftlichen Produkte im Großen und Kleinen, andererseits partizipierte sie mit einem namhaften Teil an dem jüdischen Gewinn in der Form von verschiedenen Abgaben, welche die Juden zahlen mußten. Daß die Zahl der Juden in Leipa im Laufe der Zeit nicht allein durch die natürliche Vermehrimg, sondern infolge der günstigen Erwerbsverhältnisse auch durch Zuzug von anderwärts eine nicht unbedeutende Vermehrung erfuhr, ergibt sich aus der Tatsache, daß nach einem Verzeichnisse vom 4. Feber 1724 die Gemeinde 358 Seelen zählte. Davon waren ungefähr zwei Drittel alten Leipaer Stammes, das restliche Drittel bildeten Mitglieder von Familien fremder Herkunft. Die meisten fremden Familien stammten aus Prag, einige aus Jungbunzlau, Auscha und Libochowitz, ferner waren hier Familien aus Eaudnitz, Eidlitz, Kolin, Nachod, Postelberg, Radesehin und anderen Orten. Je eine Familie stammte aus dem Reich, Österreich, Mähren, zwei aus Polen. Unter letzteren befand sich die 6köpfige Familie des Rabbiners Markus Kohn. Diese 358 Personen wohnten in 15 Häusern.