Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 2 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 79)
- Language
- German
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76 der Schutzherren zu erfüllen, bleibt noch die Frage. Der Prozeß ökonomischer Entwurzelung, der mit der Austreibung aus den kg]. Städten begonnen hatte, mußte zum förmlichen Bankerott der Judengemeinden im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts führen, weil man die Versuche einzelner, sich dauernd dem Wirtschaftsleben der Umwelt einzufügen, mißachtete und das Handwerk, das in schwerer Zeit,126) aus so verheißungsvollen Anfängen entstanden war, aus höheren Gründen sich selbst überließ. Der jüdische Osten hat in dem Handwerk seine stärkste Nahrungsquelle gefunden, während die Juden Mitteleuropas an der Erfüllung dieser Aufgabe verzweifelten. Die Interessemkonflikte zwischen den jüdischen Dorfuntertanen und der christlichen städtischen Bevölkerung waren ohnehin nicht mehr zu vermeiden. Die Industrialisierung des Landes, welche unter wirksamer Teilnahme der Juden als Handwerker, Bestandleute, Pächter und Händler erfolgte, die damit in Verbindung stehende Verbilligung 127) der Produkte mußte in jedem Falle den Haß des rückschrittlichen Kleinbürgertums hervorrufen, das sich in seiner gewerblichen Existenz schon seit langem bedroht sah. Niemals standen vorher oder nachher die organisierte Stadtwirtschaft und der agrarische Feudalismus als zwei einander so heftig bekämpfende Interessenkörper gegenüber wie im 16. Jahrhundert. Dunkel, fast instinktiv wurde es aber auch in den Städten gefühlt, daß der Jude zum unentbehrlichen Faktor im gegnerischen Lager, im Wirtschaftsleben des Landes geworden war. Darum glaubten die bedrängten Kommunen ihre Schwächen am besten verbergen zu können, wenn sie den schlimmsten Konkurrenten, die Juden, die in die Gerechtsame der Zünfte und Kaufmannsgilden genug störend eingegriffen hatten, dauernd fernhielten oder wenigstens auf längere Zeit aussperrten. Städte, die vor einem Jahrhundert und länger den stolzen Titel „landesfürstlich" geführt hatten, meldeten ihren Anspruch, judenfrei zu sein, vor dem Landesherrn Ferdinand I. an und dieser ergriff gerne die Gelegenheit, den Plan der Judenvertreibung, der angesichts des Widerstandes der Adeligen im großen nicht gelingen wollte, wenigstens in kleinen Zügen durchzuführen. Der Adel, der Juden und Wiedertäufer, bis ins 17. Jahrhundert auch Schicksalsgenossen, immer wieder schützte, sollte für seine Toleranz gestraft werden.128)