Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 2 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 77)
- Language
- German
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74 schon zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts mehrere jüdische Seifensieder, welche städtische Lieferungsaufträge durchzuführen hatten. Menachem Mendl Krochmal erteilte ihnen auch aus diesem Grunde die Erlaubnis, das Fett unreiner Tiere für die Erzeugung von Kerzen und Seifen zu verwenden.114) In Leipnik hört man hingegen wenig von jüdischen Gewerbsleuten. Ein Verzeichnis von neununddreißig jüdischen Chaluppenleuten a. d. J. 1612115) nennt nur einen Stiastny, Glaser. Und nun das glücklichste Beispiel aus der Eibenschitzer Judengemeinde.116) Dort übte Vaclav zid sein ehrsames Töpferhandwerk aus, das ihm reichen Gewinn brachte. Bei seinem Tode (1608) hinterließ er, wie die uns noch erhaltene Aufnahme seines Nachlasses beweist, ein recht ansehnliches Vermögen. Also war das jüdische Gewerbe doch mehr als ein bloßer Bettel, wie jüdische und nichtjüdische Darstellungen einer späteren Zeit erzählen. Zwischen dem auf böhmischem und mährischem Boden gewachsenen Handwerk bestanden allerdings auch mancherlei merkliche Unterschiede. Viele Unbefugte des Prager Ghettos fanden an den kunstgewerblichen Betrieb der Hauptstadt frühzeitigen Anschluß und jüdische Goldschmiede wurden förmlich als Hofhandwerker privilegiert,117) damit sie weder von christlicher noch von jüdischer Seite in ihrem Berufe gestört werden. In Mähren ging dagegen alle Manufaktur von den Bedürfnissen des Landes und der Landbevölkerung aus, an die sich der jüdische Produzent fast ausschließlich wandte. Dieser rein auf das Praktische gerichtete Sinn, Luxuswaren werden selten erzeugt, findet nicht in letzter Linie in dem Umstände seine Erklärung, daß die Juden Mährens reichlich Gelegenheit hatten, das nüchterne, aber trefflich organisierte Handwerk der Wiedertäufer aus unmittelbarer Nähe kennen zu lernen.118) Diese Nachbarschaft übte außerordentlichen Einfluß auf die Entstehung und Entwicklung des jüdischen Gewerbes aus. Jüdische Handwerker und Händler besuchten oft die Brüderhäuser, nahmen fertige Produkte zum Verkauf auf Jahrmärkten an, traten aber auch in so scharfe Konkurrenz zum Handwerk der Anabaptis?ten,119) daß diese hierüber in einer Versammlung der Haushalter, Einkäufer und Ausgeber Beschwerde führten: „Khönen sich die Juden damit erneren, so ist es Ja besser, das solche arbeit in der gemein gemacht werde."