Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 2 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 66)
- Language
- German
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63 durch Capistrano und die wirtschaftliche Not entfesselten Leidenschaften entgegenzustellen, dazu fehlte dem jungen Manne die Kraft und wohl auch der Mut.65) So hatten denn die Juden aus allen landesfürstlichen Städten Mährens mit Ausnahme des Grenzortes Hradisch weichen müssen. Ein neuer Abschnitt in der jüdischen Geschichte beginnt, der dreihundertjährige Kampf um das Verbleiben im Lande. Man hat bisher die Ausweisung aus den bevorrechteten Städten alsi eine traurige, aber ansonsten belanglose Episode in der großen Leidensgeschichte angesehen. Die nachstehenden Ausführungen wollen den Nachweis erbringen, daß gleichzeitig und in unmittelbarem Zusammenhang mit den Ereignissen des Jahres 1454 eine Wendung in der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Stellung der Juden eintritt. Zuvor noch ein Wort über die Emigrantenspuren, die man eifrig, aber ohne greifbaren Erfolg suchte. Einige Zeit galt es als feststehend, daß Oswiecim einen Teil der jüdischen Auswanderer aufgenommen habe.66) Doch dorthin dürfte höchstens eine Gruppe der vertriebenen Breslauer Juden geflohen sein, welche an der Hauptstraße des Handels nach Polen weiter verbleiben wollte. Auch in Wien forschte man vergeblich nach bekannten Namen. Der Nestor jüdischer Geschichtsschreibung in Mähren Dr. Frankl-Grün67) dürfte mit seiner Annahme recht haben, daß der Bischof in seiner Sommerresidenz Kremsier ausgewiesenen Olmützer Juden ein Asyl eröffnet hat, Littau konnte dank seiner Nähe der gewiß nicht zahlreichen Neustädter Judenschaft, Pohrlitz, Eibenschitz u. a. 0. den früher viel beneideten königlichen Kammerjuden die Möglichkeit einer Neuansiedlung geboten haben. Die traurigsten Erfahrungen aber machten jene Flüchtlinge, welche in Bytes unweit von Brünn vorübergehenden Aufenthalt genommen hatten. Die schon oft genannten Puhonenbücher melden zum Jahre 1484, daß sie der Ermordung eines christlichen Kindes beschuldigt sind und vor dem nächsten Landrecht in Brünn, zivi neb mrtvi, wie die Formel lautet, gestellt sein sollen.68) Man kennt diese grauenhafteste aller Beschuldigungen, von der die Judenheit Spaniens und des Deutschen Reiches fast zu gleicher Zeit heimgesucht wurde. Breslau (1453), Salamanca (1461), Trient (1475), Regensburg (1475), Passau (1478) sind nur einige der ungezählten Leidensstationen aus dem finsteren 15. Jahrhunderte. Fran-