Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1930-01-01 · 2 (1930) · page 37

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
2 (1930)
Date
1930-01-01
Page
– (sequence 37)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2644300-2644303--0494-2644836
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

34 man annehmen, daß die Synagoge, die Cosmas meint, auch im Vysehrader Dorf gestanden hat67) Diese ehemalige Synagoge und spätere Kirche war der Schauplatz des Verbrechens, das Cosmas schildert: der Altar wurde eines Nachts zerstört und die Reliquien, die er enthielt, geraubt. Jacob war der Täter, sagt Cosmas, er hat den Altar zertrümmert, er hat die Eeliquien geraubt und sie in seine Kloake geworfen. Das ist, man könnte sagen, Buchstabe für Buchstabe, in ältere und neuere Geschichtswerke68) übergegangen. Sie erzählen die Entweihimg der Kirche (oder früheren Synagoge) so wie Cosmas. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn es ist kein Zweifel, daß der von Cosmas erwähnte Vorfall (Zerstörung des Altars) wirklich geschehen ist. Aber auch daß Jacob der Täter gewesen ist, wird von ihnen übereinstimmend angenommen. Nur in einem Punkte weichen sie von einander ab: in der Angabe des Motivs für die Tat Jacobs. Nach Häjek69) hätten die böhmischen Herren (Edelleute) Jacob auch nach seiner Taufe nicht in den fürstlichen Rat zugelassen, darüber sei er aufs höchste erzürnt gewesen und habe den Altar zertrümmert. Dobner70) fand,, daß Jacob durch die Gunst des Fürsten, durch seine eigenen Reichtümer und seine Macht so übermütig wurde, daß er das Verbrechen beging. Novotny71) sagt, daß Jacob durch seine eigene Erhebimg (zum Vicedominus) die Schmach, die seinen Glaubensgenossen (durch die Aufstellung des Altars in ihrer Synagoge) zugefügt worden war, als unerträglich empfand. Eine ganz andere Erklärung gab Dubnow:72) „die Scheintaufe brachte zuweilen herzzerreißende Tragödien mit sich. Einer der Täuflinge, Jacob Appeles (!) verharrte in seinem neuen Glauben, und wurde dank seiner Verwaltungstüchtigkeit der Berater oder Vertrauensmann (Vicedominus) des Fürsten Wladislaws I. Eines Tages verspürte jedoch der hochgestellte Renegat unüberwindliche Gewissensbisse und beschloß, sich demonstrativ vom Christentum loszusagen. So schlich er sich des Nachts in die Synagoge, in der die Kreuzfahrer im Jahre 1096 einen Kirchenaltar mit Reliquien aufgestellt hatten, usw." Keine dieser Erklärungen ist befriedigend. Wenn Jacob,, wie Häjek erzählt, über die böhmischen Herren erbost war, dann sollte man glauben, daß er an ihnen sich gerächt hätte,, nicht an dem unschuldigen Altar. Waren jedoch nicht die Herren, sondern der Übermut Jacobs schuld an seiner Tat, wie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.