Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 2 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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16 eine Resonanz für jüdische religiöse Stimmungen, von denen für den Chasarenkönig nach der Situation das Kyrosmotiv vielversprechend sein mußte. In der Slavenwelt der Cyrillzeit waren die byzantinischen Juden mehr als Vermittler. Solange Byzanz und eine slavische Umwelt dauerte, solange wurde das nachjerusalemitische Gegenwartsgefühl genährt. Es war anders als das babylonistische. In Babylon pflegte man Erinnerungen. In Jerusalem konnte man nicht vergessen. Byzanz war die Vorwelt von Jerusalem. War aber die slavische Welt noch byzanznahe, war sie jerusalemnahe. Deshalb sind dem slavischen Judentume im Anfange die slavischen Sprachen so nahe. Diese Zusammenhänge kann man aus der Wortform erec Nemec heraushören. Spanien, Italien, Deutschland waren Reiche des babylonischen Gegenwartsgefühles. Als hier Maimonides die jüdische Lehre systematisiert hat, fühlt man, daß die Vergangenheit eher eine Krystallisation darstellt als ein Wachstum. Ein Erbeben durchfuhr das Judentum. Aber es gab keinen zweiten Ausgang mehr. Der Eindruck, ein jerusalemnahes hellenistisches Osteuropa könnte entstehen, mußte bald aufgegeben werden. Aber psychologische Erwerbungen sind nie bloß Vergangenheit. Sie suchen eine neue Funktion. Und finden sie mitunter erst spät. Man begreife so den Lebensgang des Chronisten David Gans. Das geographische Interesse des Judentums in der Cyrillzeit wurde durch ihn wieder zur Geschichte geführt. Die Geschichte begreift er aber dualistisch. Es gibt nicht nur eine Weltgeschichte. Jedermann muß Geschichte sein. Als entelementarivisierendes Organ. Elementar aber alles Latente. Auch die latente Geschichte. So wirkt die Geschichtsschreibung als Geschichte selbst, indem sie das Latente im menschlichen Werden bewußt macht. Die jüdische Geschichtsschreibung muß aber insbesondere die Spuren des latenten Selbsterlebens verfolgen. Denn die Spuren des Wirkens konnten in ihrem Bezirke nicht immer frei aufgedrückt werden.