Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 2 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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12 im Sinne einer Soziologie der latenten Gegenwart) ist ein Vorwissen im Sinne Comtes möglich. David Gans ist auch durch die weltliche Technik bestimmt. In der jüdischen Kopierungstradition hätte eine weltliche Chronik keinen Platz gefunden. Aber die innere Grundursache seiner Chronik war die Wandlung des jüdischen Gegenwartsgefühles, welche insbesondere im Osten zu fragen beginnt, ob man nicht den Grenzen der suspendierten jüdischen Geschichtlichkeit nahe sei. Der jüdische Gegenwartssinn war und ist defektiv verkürzt Auch heute noch. Als Gefühl der suspendierten K u 1tur, der untotal recipierten Kulturgenossenschaft, der noch keimenden Autokultur. Dieses verkürzte jüdische Gegenwartsgefühl hat verschiedene ausgleichende Zeitformen gebildet. Im Westen die Systematik des Meineides. Im Osten den okkulten Messianismus S a b e t a i v e 1 i s. Gerade in dem Strudel, welcher der Sabathaischen Bewegung vorhergeht, unternimmt David Gans, ein Schüler Löv ben Bezalels, die Flucht aus dem Okkulten in die geschichtliche Wirklichkeit. Gans knüpft einerseits an die polnischen jüdischen Diskussionen zwischen seinem Lehrer Isserl und Rabbi Lurie, anderseits an seinen Prager Lehrer Rabbi Bezalel an. Und allerdings an die Zeit, das Gegenwartsgefühl. Der epische, gothische Eindruck einer im christlichen Sinne abgeschlossenen Vergangenheit war verklungen. Während die Renaissanze (wovon Macchivalli fast ein Bekenntnis ablegt) das religiöse Erlebnis der absoluten Gegenwart durch ein weltliches Gefühlsäquivalent zu ersetzen sucht, hat die Reformation dieses Gefühl erneuert. Ist also die Wendung zur weltlichen jüdischen Geschichtsschreibung nur ein Wiederklang der Renaissanze? Man könnte es glauben, wenn man nur an jenen Ausspruch des Isserl denkt, welchen Güdemann anführt. Güdemann ist ein überaus empfänglicher Beobachter. Aber man kann nicht in seinem Sinne Isserl Ausspruch erklären, daß am Sabbat von den Sachen der Könige gesprochen werden soll. Die Sabbatdisputanten zur Zeit Isserls sind aus den Gewölben des Ghetto nicht auferstanden. Dort verwandeln sich die Sabbaterwägungen in ruhigen Zeiten in Buchwitz in stürmischen, in pedantischen Phantasien. Deshalb will Isserl, wie es auch Luric rüge, die Weltchronik, als „Paradiesspaziergänge" einführen.