Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 2 (1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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8 ausdrückt, in Wortformeln anzusprechen haben. Und wird zu dieser soziologischen Definition des Antisemit i s m u s gelangen: Ein Gleiten aus Strebungen, welche nur auf der Linie des größten Widerstandes realisiert werden können, in die Linie des geringsten Widerstandes. Auf dieser Linie der Widerstandslosigkeit sind Korrekturen allerdings nicht notwendig. Aber gerade deshalb bestimmtere Einsichten in das Problem, welchem der Antisemitismus entglitten ist, nicht möglich. Die Geschichtsschreibung hat keine derartige Definition zu übernehmen. Sie muß sie auf ihre souveräne Art kontrollieren. Ist ein soziologischer Zusammenhang richtig, dann hilft er der Plastizität des geschichtsschreibenden Bildes. G r ä t z klagte den Antisemitismus an und verstärkte bei Treitschke den Eindruck, daß der Antisemitismus einen Consensus der Völker darstelle. Die gewöhnlichen jüdischen Grundeinstellungen zum Antisemitismus weisen psychologische Mängel auf. Stellt man den Antisemitismus abstrakt als Unrecht hin, ohne ihm eine konkrete Stelle anzuweisen — in der Ethik des Anti-automatischen — dann stellt man überhaupt den Consensus der Menschen und Zeiten als problematisch hin, was der gemeine Sinn schwer annehmen kann. Die Apologetik räumt aber grundsätzlich ein, daß das Anklageverfahren zurecht erhoben wurde, und nur das Urteil fehlerhaft sei. Aber der Antisemitismus gehört vom Standpunkt des Judentums auch nicht in die Soziologie des Leidens. Sie würde die logischen Maße sprengen und in die antisemitische Religionsphilosophie Löv Bezalels, des Prager hohen Rabbi hineingelangen. Man muß den Antisemitismus in die Soziologie der abstrakten Aushilfen einreihen. Eine plastische und doch auch nicht teilnahmslose Geschichtsschreibung des Antisemitismus ist möglich als Epos, in welchem nicht nur das Judentum schicksalsbeladen scheint, sondern auch der Antisemitismus. Denn immer, wenn die Geschichte anstrebt ihre Grenzen zu erweitern — wird Antisemitismus frei, analog der abstrakten Energie — der Wärme.