Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 389

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 389 (sequence 393)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2644300-2644301--0394-2644735
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

389 Dieser Beispiele ließen sich viele anführen; doch sie genügen wohl zur Feststeilling, daß die Berichte erfunden sind, die Chronik also eine Kompilation frei erfundener Berichte ist. Es bleibt noch übrig festzustellen, welchem Zwecke diese Fälschung dienen sollte, wer ein Interesse an derselben hatte. Wie ich schon oben gelegentlich der Auswahl der Zitate bemerkt habe, dienen diese hauptsächlich der Konstruktion der Geschichte der Prager Gemeinde und der Unterstützung der Forderungen des Zeitgeistes; selbst Podiebrad, der frei aus der Handschrift wählen konnte, fand das Mitteilenswerte in dieser Richtung. Und tatsächlich, wenn man das Inhaltsverzeichnis durchgeht, so findet man eine ganze Reihe von Stücken, die nur der Geschichtsklitterung dienen. Hier werden — oft auch in gesucht beiläufiger und nebensächlicher Weise — wichtige historische Ereignisse und topographische Einzelheiten mitgeteilt. Man vergleiche die historischen und topographischen Kenntnisse, die uns die zitierten Nr. 1, 8, 45, 94 bieten; hier erfahren wir von den drei Judengemeinden, drei Friedhöfen, 2 Rathäusern einer Anzahl von Gassen, Synagogen und Baulichkeiten, darunter sogar einem Armenbackhause. So nebenbei wird uns Erbauer¬ und Erbauungsjahr der Altneuschul angegeben. Diese vier Stücke reichen fast zu einer wohl fundierten Geschichte der Prager Gemeinde, dazu kommen noch eine Reihe anderer, die über die innere Verwaltung Aufschluß geben, so daß es wirklich nicht schwer fällt nach der Ramschak-Chronik eine Geschichte der Prager Juden zu schreiben. Für die Leichtgläubigen — und leider sind alle früherer Benützer, allzu leichtgläubig gewesen — war der eine Zweck, dem die Chronik dienen sollte, Festsstellung der Geschichte der Prager Gemeinde erreicht. Der andere Zweck, dem Zeitgeiste der Aufklärung und den damit bedingten Reformbestrebungen innerhalb der Judenheit zu dienen, danken eine noch größere Zahl von Stücken ihre Entstehung. Es war schon oben die Rede davon, wie die Stelle über den Reisgenuß am Passach einem willkürlichen Beschlüsse des westfälischen Konsistoriums zu Hilfe kommt, mehrere der weihevolleren Gestaltung der Leichenbegängnisse, mehrere der Bekämpfung de. Vorurteiles als wären Juden nie Künstler oder Handwerker gewesen. Diese Beispiele lassen sich noch vermehren. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrh. kam die Trauung in der Synagoge (anstelle der bis dahin im Freien, zumeist im Synagogenhof stattgefundenen) auf; diese Neuerung wurde von den Verfechtern der Tradition bekämpft. Nr. 30 unserer Chronik erfindet 1554 — zu einer Zeit, wo schon über 100 Jahre keine Juden in Brünn wohnen durften — eigens einen Brünner Oberrabbiner um die Trauungen in der Synagoge für so alte Zeit zu bezeugen. Ein innerhalb der Judenheit seit alters zwiespältig beurteilter Brauch ist das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.