Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 351 (sequence 355)
- Language
- German
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351 in Kolin sollte es nicht anders werden. Der Schulvater Abraham Raudnitz hatte am Versöhnungstage 1767 an Stelle seines verstorbenen Schwiegervaters Markus S kutsch68) ehrenhalber das Neilah-Gebet vorgebetet. Der Rabbiner wollte ihn, obwohl er sein Gegner war, daran nicht hindern, ging aber vor Beginn des Neilah-Gebetes in eine andere Synagoge.89) Damit aber der Rabbiner nicht wieder die Synagoge verlassen müßte, verzichtete Abraham Raudnitz infolge der Vermittlung des Primators auf das Vorbeten des Geschem-Gebetes am Schlußfeste, obwohl es . ebenfalls sein Schwiegervater versehen hatte und ihm die Mitwirkung des Chores schon zugesichert worden war. An diesem Tage kam Rafael Blattau zum Rabbiner mit der Frage, ob ihm gestattet sei, eine Thorarolle beim Festzuge in der Synagoge am Thorafreudenfeste zu tragen,70) obwohl er sich im Trauerjahre befinde. Der Rabbiner erklärte, das sei nach dem Religionsgesetze erlaubt. Die Ältesten, mit Ausnahme des Primators, erklärten sich damit einverstanden. Da jedoch wegen der Feindschaft zwischen Blattau und den Schulvätern ein Zusammenstoß zu befürchten war, versuchte der Rabbiner und auch die übrigen Ältesten wiederholt, die Schulväter zu bewegen, gemäß der Entscheidung des Rabbiners zu handeln, damit keine Streitigkeiten entstünden. Andererseits bemühte seih der Rabbiner auf Rafael Blattau einzuwirken, von seiner Forderung abzustehen, was dieser aber entschieden ablehnte. Am Abend des Thorafreudenfestes entstand in der Synagoge wirklich ein solcher Tumult, daß die Schulväter genötigt waren, sich zurückzuziehen und dadurch die Thorarollen herrenlos dastanden; nur der Rabbiner nahm sich ihrer an. Der Primator kam dann zum Rabbiner und beschuldigte ihn, diese Streitigkeiten hervorgerufen zu haben, während er (der Primator) an diesem Tage Streitigkeiten verhütet habe. Diesen Vorwurf wies der Rabbiner zurück, er habe nur nach dem Religionsgesetze entschieden. Der Primator äußerte sich zu Rafael Blattau: „der Rabbiner ist Urheber des Zankes und deshalb muß er von hier weg, was immer es auch koste". Der Rabbiner berief am 18. X. 1767 die Ältesten zu sich, schilderte die Vorfälle der letzten Zeit und bat sie, die Gemeindemitglieder zu befragen, ob er während seiner zwanzigjährigen Wirksamkeit in Kolin jemandem ein Unrecht getan oder ihm die gebührende Ehre vorenthalten hätte. Es wurden sogleich die steuerzahlenden Gemeindemitglieder mit Hinzuziehung von auserwählten Einzelpersonen berufen; sie hatten nur Lob für den Rabbiner, er sei ein „Heiliger" riefen sie, und verlangten nachdrücklichst den Schutz seiner Würde. Die Ältesten, in Abwesenheit des Primators, beschlossen, die Schulväter vorzuladen, ihnen Vorhaltungen zu machen und aufzutragen, ihre Bücher und Rechnungen vom Rabbiner und Löbl Hersch revi-