Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 324 (sequence 328)
- Language
- German
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324 hen, der Kaiserin zu empfehlen, ihren bisherigen undurchführbaren Standpunkt aufzugeben und zu gestatten, daß von der emigrierten Prager Judenschaft ungefähr 500—600 bemittelte Familien unter der Bedingung zurückkehren dürfen, daß eine jede die Verpflichtung übernehme, drei bis vier der ärmeren Familien auf ihre Unkosten aus dem Lande zu schaffen. Diese Art und Weise der Ausschaffung hätte nicht allein den Vorteil der Billigkeit für sich, sondern könnte in voller Ruhe und Ordnung durchgeführt werden. Andernfalls sei mit Grund zu befürchten, daß die Judenschaft, zur Verzweifelung getrieben, schwere Ausschreitungen begehen könnte. Sie einfach mit Waffengewalt über die Grenze zu treiben, gehe nicht an, denn dies müßte zu Verwicklungen mit den Nachbarstaaten führen. Dieser Bericht des Grafen Haugwitz ließ der Kaiserin keinen Zweifel mehr übrig, daß sie sich zu weiterein Nachgeben werde entschließen müssen, wenn anders es ihr gelingen solle, die böhmischen Stände zu den verlangten Geldopfern zu bewegen. Denn es war klar, daß die Stände die Juden nicht allein im Lande zu behalten wünschten, sondern auch auf der Rückkehr der Prager Judenschaft in die Hauptstadt bestehen würden. Sie beschloß daher und sicher nicht leichten Herzens, Schritt für Schritt zurückzuweichen, sich jedoch jeden dieser Schritte durch weitere Opfer sowohl seitens der christlichen Bevölkerung des Königreichs als auch seitens der Juden selbst teuer bezahlen zu lassen. Dies sollte sich bald erweisen. Am 7. Juni fand unter dem Vorsitze des Oberstkanzlers Grafen Harrach eine Sitzung statt, an welcher alle Delegierten der böhmischen Stände, der Vizekanzler Graf Korzensky, Graf Haugwitz und die Räte der Hofkanzlei Jordan und Kannengießer teilnehmen.16) In dieser Sitzung brachte Graf Haugwitz zunächst seinen oberwähnten Bericht über die Judensache zur Kenntnis. Er fand allgemeine Zustimmung. Hierauf teilte er mit, daß die Kaiserin mit Rücksicht auf die in Aussicht stehenden bedeutenden Militärausgaben sich gezwungen sehe, die böhmischen Stände um die Erhöhung der Praestationen pro aerario auf 5,270.488 fl. anzugehen. Die Delegierten erklärten, daß sie unter diesen Umständen die Verhandlungen abbrechen und neue Vollmachten einholen müssen. Sie reisten auch sofort ab und erstatteten am 15. Juni in einer zu diesem Zwecke auf die Prager Burg einberufenen Versammlung der Stände ihren Bericht. Sie erhielten die Vollmacht, dem Wunsche der Kaiserin in dem Maße Rechnung zu tragen, als sie ihre Nachgiebigkeit in der Judenfrage zeige. Am 30. Juni kehrten die Delegierten, nachdem sie zuvor noch die Bitte Korefs, sich der Judenschaft nach Kräften anzunehmen, entgegengenommen hatten, nach Wien