Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 316

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 316 (sequence 320)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2644300-2644301--0321-2644662
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

316 liehen Handelsleute schwer schädigen würde, könne jedoch dieser Jüdische Handel nicht sein, denn sonst hätte der von der Kaufmannschaft angestellte Aufpasser Topiczowsky längst schon eine Anzeige erstattet, was jedoch bisher nicht geschehen sei. Die Klagen der Beschwerdeführer, daß in Prag eine arge Teuerung herrsche und daß viele Geschäftsleute zugrunde gegangen seien, bezeichnet die Statthalterei als richtig. An der Teuerung sei aber die Emigration der Juden schuld, die vielen bankerotten Geschäftsleute aber hätten ihr Mißgeschick sich selber zuzuschreiben. Viele von ihnen hätten sich in Geschäfte eingelassen, die sie entweder gar nicht oder nur ungenügend verstünden. Gar manche hätten aus reiner Gewinnsucht zwei bis fünferlei Nahrung getrieben und leichtsinnigerweise Darlehen aufgenommen, die ihre Zahlungsfähigkeit weit überstiegen. Hoch hinauf geschraubte Preise und Unhöflichkeit den Kunden gegenüber hätten dann das übrige getan. In Prag sei es nun so weit gekommen, daß der Adel und die angesehenen Bürger vielfach gar nicht mehr in der Hauptstadt einkaufen, sondern ihren Bedarf durch Vermittlung der Juden zu viel billigeren Preisen in den Landstädten decken. Zum Schlüsse stellt die Statthalterei die Bitte, „in Zukunft derlei Supplicata, besonders in dieser jüdischen Angelegenheit, ohne Individualunterschrift nicht anzunehmen." Wir wissen, daß schon zu Beginn des Winters 1746 der Zustand der Gebäude der verlassenen Judenstadt sehr viel zu wünschen übrig ließ. Im Laufe des Jahres 1747 war er geradezu kläglich geworden. Allüberall schritt der Verfall mit Riesenschritten vorwärts, unterstützt von den zerstörenden Kräften der Natur und beschleunigt durch räuberische Menschenhand. Schon im März war die Altneuschule aller Türen und Fenster, aller Balken und alles übrigen Holzwerks derart beraubt, daß sie einer Ruine glich. Was nicht der Pöbel davontrug, das raubten die Soldaten, welche die Judenstadt bewachen sollten. Nicht immer ging es ohne Unfall ab. Am 28. März stürzte bei der Demolierung einer Stiege im Judenhause „u Kuehinkü" ein Knabe ab, der beide Beine brach. Die Raublust und Zerstörungswut der Wachkommanden ging endlich so weit, daß General Lobkowitz sich zu strengem Einschreiten veranlaßt sah. Zum abschreckenden Beispiel ließ er einige ertappte Missetäter öffentlich Spießruten laufen.13) Im Herbste des Jahres 1747 riß ein Sturm die Dächer von fünf Häusern in der Zigeunergasse gänzlich herab und anhaltender Regen erweichte das völlig entblößte Mauerwerk dieser Gebäude derart, daß mit ihrem baldigen Einsturz zu rechnen war, durch welchen auch die gegenüberliegenden christlichen Häuser gefährdet ersenienen. Auf einen diesbezüglichen Bericht des Altstädter Magistrates ließ die Statthalterei geeignete Schutzvorkehrungen treffen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.