Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 299 (sequence 303)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2644300-2644301--0304-2644645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
299 meindeeinkünften beanspruche, dürfe auch die gesamte Bevölkerung des Königreichs verlangen, daß sie nicht über ihre bisherige, nahezu unerträgliche Steuerlast hinaus auch noch zur Tragung des durch die Emigration der Prager Juden entstandenen Ausfalls an Steuern und Gaben, der den 45. Teil aller Steuergelder ausmache, werde verhalten werden. Im Gegenteil sei es hoch an der Zeit, daß endlich einmal die lang schon ersehnte Entlastung des Königreichs in einem der Steuerleistung der übrigen Erbländer, zu deren Gunsten es bisher immer prägraviert worden sei, entsprechendem Maße erfolgen werde. Diesem zweifellos hinreichend deutlichen Winke der böhmischen Stände schloß die Statthalterei die Bitte an, Ihre Majestät wolle die Entscheidung in der Judenfrage nicht mehr länger hinausschieben, damit dem Königreich weiterer Schaden erspart bleibe. Inzwischen hatte aber Maria Theresia eine Entscheidung getroffen, die trotz scheinbaren Beharrens auf allen bisherigen Verfügungen ihren Rückzug in der Judenfrage einleitete. In ihrem Reskripte vom 4. August, das erst nach Abgang des vorerwähnten Statthaltereiberichtes in Prag eintraf, erklärt sie zunächst: „Nun bleibet es ein für allemal darbei, daß sotane Abschaffung wirklich vollzogen, mithin Unsere diesfällige Resolution in allen und jeden Punctis ad äffectum gesetzt werden solle. Weilen Wir aber zu gleicher Zeit allergnädigst gemeint sein, künftighin keinen Juden in Unseren gesamten böhmischen Erblanden mehr zu gedulden, wohingegen wohl vorzusehen ist, daß diese Abschaffung aus gedachten Ländern wegen des zwischen Christen und Juden daselbst so sehr verstrickten Negotii, mithin wegen der diesfalls zu nehmen habenden anderweitigen Einrichtung nicht wohl auf einmal befolget werden könne, so haben Wir einen sechsjährigen Terminum anzuberaumen gefunden, inner welcher Zeit die gesamte Judenschaft nach und nach jährlich in einer gewissen Anzahl reduziert und dergestalten von Jahr zu Jahr aus dem Land abgeschaffet werde, damit bei Verlauf des letzten dieser sechs Jahre in dem Königreiche Böheim kein Jud zu finden sein möge." Der Ausweisungskommission trug die Kaiserin auf, unverweilt einen Plan auszuarbeiten, nach welchem die beschlossene Reduktion der gesamten Judenschaft in Böhmen binnen sechs Jahren durchgeführt werden könnte. Die Vorstellungen der Statthalterei wegen des zu befürchtenden Ausfalls beziehungsweise Rückgangs der Steuern, die Bitten des Altstädter Rats und der Besitzer der christlichen Tandelmarkthäuser tat Maria Theresia kurzweg mit dem Versprechen ab, entsprechende Maßnahmen treffen zu wollen. Bezüglich der Bitte der Judenschaft um Realisierung ihrer in Prag zurückgelassenen Vermögenswerte forderte