Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 298 (sequence 302)
- Language
- German
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298 der Industrie, um das Handelswesen, namentlich um den Export und Import, der besonders in der Prager Judenschaft außerordentlich tüchtige Vertreter habe, während in der christlichen Kaufmannschaft kaum zwei oder drei vorhanden seien, die den Namen eines mittelmäßigen Kaufmannes verdienen. Überhaupt seien die Juden in einer Reihe von Erwerbszweigen tätig, zu denen die Christen keine oder wenig Neigung zeigen. Es sei gewiß bitter zu beklagen, daß die christlichen Handels- und Gewerbsleute dem Juden im geschäftlichen Erfolg nachstehen. Das komme jedoch davon, daß sie weniger Mühe und Eifer darin aufwenden, daß sie weniger genügsam und sparsam seien als dieser. Insbesondere die Prager Judenschaft sei durch ihre weitverzweigten Kredit- und Handelsbeziehungen dem ganzen Lande nützlich gewesen. Nun müsse sie draußen auf dem Lande untätig ihre Ersparnisse aufzehren. Von den mehr als 10.000 Emigranten seien kaum noch 7000 übrig. Viele seien entweder durch Krankheiten zugrunde gegangen oder ins Ausland abgewandert. Den letzteren dürften wohl die Bemittelten folgen und im Lande bliebe lediglich das arme und unnütze Judenvolk zurück. Welch ungeheuren Verlust die Abwanderung der Judenschaft dem Konsum in den Prager Städten zufüge, sei aus der beigeschlossenen Aufstellung zu ersehen, die, indem sie nur den gegenwärtigen Stand der Emigranten von 7000 Seelen oder 2000 Familien in Rücksicht ziehe und den Jahresverbrauch pro Person mit 215 fl. 50 kr. ansetze, einen Jahresentgang von 1,510.900 fl. berechne. In ähnlicher Weise werde der Verdienstentgang der christlichen Handwerker und Handelsleute mit 420.682 fl. angegeben, sodaß der Gesamtverlust der Prager Städte jährlich 2,138.279 fl. 20 kr. betragen würde. Man könne daraus ermessen, welch gewaltiger Schaden dem Lande selbst drohe, wenn mit den Prager Juden auch noch alle Landjuden auswandern müßten. Der Handel sei auch auf dem Lande auf einem Tiefpunkte angelangt, der höchste Besorgnis errege. Die Schafwolle z. B. falle von Tag zu Tag im Preise und sei nicht an den Mann zu bringen. Es sei zu befürchten, daß die Güter und Herrschaften im Werte sinken und die infolge der schlechten Zeiten ohnedies stark reduzierte Steuerkraft einen weiteren Rückgang erfahre. Und bevor die Mittel, die man zur Sanierung empfehle, wirksam werden könnten, müßten Land und Leute zugrunde gehen. Mit demselben guten Rechte, mit dem die Juden einen Schadenersatz für ihre jetzt kaum zum zehnten Teil realisierbaren großen Vermögenswerte, die sie in Prag zurückzulassen gezwungen waren, anstreben, mit dem gleichen Rechte, mit dem die Altstadt Prag einen Ersatz ihres durch die Judenvertreibung verursachten Verlustes an Ge-