Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 295 (sequence 299)
- Language
- German
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295 hatte eine gewisse Ernüchterung in der Bevölkerung Prags platzgegriffen, namentlich in jenen Kreisen, deren Erwerb durch die Abwanderung bedroht erschien. Vor allem waren es die Lebensmittelhändler und die Bierverleger, welche einen jährlichen Verschleißverlust von 6000 Faß Bier fürchteten, die Müller, Bäcker, Gemüsegärtner, Fischer, Seifensieder, dann viele andere Handwerker, welche einen wesentlichen Verdienstrückgang zu befürchten hatten. Als dann im Laufe des ersten Exiljahres der Mangel an allem, was man bisher vom Juden zu kauten bekam, immer fühlbarer, die Absatzmöglichkeit aller Erzeugnisse, die man an ihn verkaufen oder durch ihn vertreiben lassen konnte, immer geringer wurde und eine Teuerung an Lebensmitteln und Gebrauchsartikeln einsetzte, die von Monat zu Monat unerträglicher wurde, ging dem größten Teile der Bevölkerung endlich die klare Erkenntnis auf, daß die völlige Abwanderung der Juden den Ruin einer großen Anzahl bürgerlicher Existenzen im Gefolge haben, die Wohlfahrt der gesamten Bevölkerung beeinträchtigen und die städtischen Finanzen schwer schädigen müsse. Das Ausweisungsedikt vom 18. Dezember 1744 hatte bei einem nicht geringen Teile der christlichen Bevölkerung Prags Schadenfreude und Genugtuung erweckt. Der neue Vertreibungsbefehl vom 20. Juni 1746 hatte diese Wirkung nicht. Im Gegenteil: die wieder ins Exil wandernden Juden fanden vielfach ungeschminkte Teilnahme an ihrem harten Los und werktätige Hilfeleistung. Sogar der löbliche Rat der Alten Stadt Prag ließ es nicht an Entgegenkommen fehlen, indem er die Beistellung von Fuhrwerken für alte und gebrechliche Juden versprach. Er war nun auch der erste, der — freilich zunächst im Interesse des Stadtsäckels — gegen die neue Vertreibung der Juden aus Prag und vor allem gegen die Verjagung seiner eigenen untertänigen Juden im Dorfe Lieben Stellung nahm. Er tat dies in einer Eingabe an die Statthalterei de praes. 8. Juli 1746, in welcher er ausführlich die Schäden und Verluste schilderte, welche die Alttstadt und ihr Gut Lieben in den letzten Kriegsjahren erlitten hatten. Den durch die Ausweisung der Juden verursachten Entgang an Zinsungen und Gaben bezifferte er mit jährlich 3245 fl. und stellte die Forderung, es möge der Gemeinde dieser Verlust, falls die Kaiserin auf ihrem Willen beharre, anderweitig ersetzt werden. Gleichzeitig stellten sich die christlichen Besitzer der 5 Tandelmarkthäuser mit der Klage ein, daß sie infolge der nunmehrigen völligen Entwertung derselben an den Bettelstab gebracht worden seien, und baten um Rücksichtnahme auf ihre Notlage. Und zuletzt kamen die Vorsteher der exulierten Judenschaft mit der Bitte, den Ausgewiesenen zu Subsistenzmitteln für die neue Verbannung zu verhelfen, da sie ihre Barschaften im vergangenen Jahre