Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 293 (sequence 297)
- Language
- German
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293 Es ergab sich jedoch, daß die Hofkanzlei in dieses Verzeichnis auch Städte wie Koufim, Tabor, Neuhaus, Pisek, Schüttenhofen, Wodnan, Mies, Klattau, Rokitzan und Laun aufgenommen hatte, in denen Juden schon seit altersher seßhaft waren. Die Statthalterei sah sich darum veranlaßt, auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, worauf die Hofkanzlei mit dem Beschlüsse vom 12. August die vorgenannten Städte für den Aufenthalt der Prager Emigranten freigab. Außerdem wurde reisenden Juden eine einzige Übernachtung nicht nur in den gesperrten Städten, sondern auch im geschlossenen Prager Umkreis, Kranken sogar ein längerer Aufenthalt gestattet. Schon bald nach der Kundmachung des neuen Ausweisungsdekrets begannen die Prager Judenemigranten, sowohl die, welche seit dein Winter wieder in der Stadt gewohnt hatten, als auch jene, welche bisher in dem nun verbotenen Gebiete Aufenthalt genommen hatten, ein neues Asyl weiter draußen im Lande ausfindig zu machen. Und s^it den ersten Julitagen sah man bereits wieder wie im Jahre zuvor einzelne Judenfamilien wie auch ganze Scharen zu Fuß, schwer bepackt mit ihren Habseligkeiten, oder mit beladenen Wagen die von der Hauptstadt aus nach allen Richtungen führenden Straßen ziehen. Vielleicht nicht ganz so mühselig, wie damals war der neue Auszug. Denn es war Sommer und die Exulanten konnten nötigenfalls auch eine oder die andere Nacht im Freien nächtigen. Allein er war nicht weniger traurig und schmerzlich als der erste. Auch Markus Löwi, der schon genannte jüdische Quartiermeister und Armeelieferant, der seit einem vollen Jahre mit Weib und Kindern, Gesinde und Geschäftsgehilfen unbehelligt in Prag gewohnt hatte, schaffte seine Familie nach Brandeis. Er selbst stellte mit Rücksicht auf die ihm übertragene Verpflichtung, noch 1300 Mann Rekruten auszurüsten, an die Statthalterei die Bitte, ihm bei der Kaiserin im Interesse des allerhöchsten Dienstes die Bewilligung zu weiterem Aufenthalt in Prag zu erwirken. Er berief sich in seinem Gesuche auf seine von dem Höchstkommandierenden Erzherzog Karl und der Kaiserin selbst anerkannten Verdienste, die er sich seit dem bayrisch-französischen Einfall um die Armee durch Lieferung von Ausrüstungsgegenständen, Proviant und Pferden und durch seine umfassende Kundschaf tertätigkeit, bei der er nicht selten Leib und Leben einsetzen mußte, erworben habe. Die Statthalterei trug unverweilt auf seine Belassung in Prag an und erwirkte sie auch später. Unterdessen ließ er sich in Brandeis nieder, kehrte aber bald wieder mit seinen Leuten nach Prag zurück. Schwere Sorgen verursachten den Führern der Exulanten, die sich seit einiger Zeit nicht mehr Krankeninspektoren, sondern Prager jüdische Vorgestellte oder auch Älteste der Juden nannten und denen sich