Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 290 (sequence 294)
- Language
- German
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290 Dienst des Staates gestellt, die Heeresausrüstung besorgt und sich willig allen Steuern und Abgaben unterzogen haben. Die jüdischen Krankeninspektoren seien vor den Statthaltern erschienen und hätten mit Tränen in den Augen gebeten, „womit Euer kaiserliche königliche Majestät in mildester Beherzigung der bereits durch so viele Wege ausgestandenen Züchtigung und teils unter freiem Himmel, unter Frost und Kälte, auch Hitz, dann in Scheuern und Stallungen, durch Hunger, Kummer, Furcht und Todesangst erleidenden unausprechlichen Elends sich der Prager Judenschaft erbarmen und von ihnen die dekretierte Emigration allergnädigst aufzuheben geruhen möchten." Unter Hinweis auf die völlig unerträglich gewordene Lage der ausgewiesenen Prager Judenschaft, deren Ruin dem Staate keinen Nutzen bringe, sondern die gänzlich erschöpften Landesfinanzen mit empfindlichem Schaden bedrohe, erklärt es die Statthaltern für ihre Pflicht, Ihre Majestät um eine endgültige Schlußfassung zu bitten, möge sie ausfallen, wie sie wolle. Auch dieser Hofbericht scheint nicht in die Hände der Kaiserin gelangt zu sein. Wenigstens läßt nichts in den Akten auf das Gegenteil schließen. Er blieb ohne jeglichen Bescheid. Zehn volle Wochen gingen wieder ins Land, ohne daß Wien in der Judenfrage von sich hören ließ. Die Juden, soweit sie in der Stadt saßen, bauten sich langsam und fürsorglich wieder ein Gemeinwesen auf, gingen ihren Geschäften nach, ihre Glaubensgenossen kamen vom Lande täglich in Scharen in die Hauptstadt oder zogen handeltreibend von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Man hört von keinen Klagen und Beschwerden in dieser Zeit. Die Behörden haben keinen Anlaß einzuschreiten, weder in der noch jener Richtung. Maria Theresia scheint die Prager Juden ganz vergessen zu haben. Es herrscht völlige Ruhe. Es ist aber die Ruhe vor dem Gewittersturm. Sah die Statthalterei das Ungewitter nicht kommen, trauten die klugen Führer der Judenschaft wirklich dem Landfrieden? Wir wissen es nicht, da Nachrichten aus dieser Zeit gänzlich mangeln. Man darf es wohl füglich bezweifeln. Allein einen Wetterstrahl kaiserlichen Zornes und allerhöchster Ungnade derart verheerender Wirkung, wie er am 25. Juni 1746 auf die Prager Juden schart hernierderfuhr, hatte kaum jemand erwartet. An diesem Tage überbrachte ein eigener Kurier aus Wien der Statthalterei ein Reskript der Kaiserin vom 20. Juni, welches das von den Prager Juden im Winter schwer errungene kärgliche Maß der Duldung wieder völlig zerstörte und erneutes Leid und neue Enttäuschung schuf. Das Reskript hatte folgenden Wortlaut: „Maria Theresia. Liebe Getreue! In Sachen der Pragerischen Judenabscbaffung müssen Wir anjetzo befremdlich vernehmen, daß gleichwohlen wider Unseren