Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 288 (sequence 292)
- Language
- German
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288 worfen werden kann, welche Familien noch künftig am wenigsten nützlich, mithin auszuschaffen oder hingegen wegen ihres nutzbaren Handels und Wandels auf längerhin zu dulden wären." Dergestalt würde man, meint die Hofkanzlei, in wenig Jahren mit der ganzen Judenschaft fertig werden. Bis dahin könnte die geplante Reform der Verwaltung, des Steuer- und Handelswesens durchgeführt werden. „Darvon würde das Land keinen Stoß empfinden, sondern das Decrementum in Judaismo würde per Accrementum des christlichen Surrogati gar wohl dergestalt mit Zeit und Gelegenheit zu kompensieren sein." Zum Schlüsse erst deckt die Hofkanzlei den eigentlichen Zweck ihres Vorschlags auf: Sie bittet die Kaiserin, „die bisher in Böhmen auf dem Land um Prag herum zerstreute Prager Judenschaft jetzigen Winter hindurch in ihre leere Judenstadt wieder einziehen zu lassen. Dann hätte man sie ad conscribendum und hernach auch ad expellendum gleich bei der Hand und das Prager Commerciale, so in ziemlicher Zerrüttung sich befindet, convalescirete pro tempore auf die vorige Art und ergänzete sich besser künftig in Wachstum des christlichen Commercii mittelst nach und nach Abschaffung des jüdischen Personalis." Dieses zweifellos interessante Dokument ist jedoch, wie der darauf angebrachte Aktenvermerk: „Ist an Ihre Majestät nicht exhibiert worden" bezeugt, ebenfalls nicht in die Hände Maria Theresias gelangt. Die Gründe, weshalb die Hofkanzlei ihre Absicht, von der Kaiserin eine endgültige Entscheidung über das Schicksal der Juden in den böhmischen Erbländern überhaupt und über jenes der Prager Juden im besonderen zu erwirken, wieder fallen ließ, sind aus den Akten nicht ersichtlich. Vielleicht nahm man Abstand davon, weil gerade damals die außenpolitischen Sorgen die Kaiserin wieder stark in Anspruch nahmen, möglich auch, daß man Rücksicht nehmen wollte auf ihren Zustand — sie erwartete damals ihr achtes Kind —, nicht unmöglich auch, daß man einfach die ganze Angelegenheit vorläufig auf sich beruhen lassen und einen günstigeren Moment zur Vorlage des Vorschlags abwarten wollte. Am wahrscheinlichsten ist, daß alle diese Erwägungen mitbestimmend waren, die Dinge in Prag so zu lassen, wie sie waren. Die Juden, welche in die Stadt aufgenommen worden waren, konnten zum Teil in ihren alten Wohnungen, zum Teil in ihrem in Prag wieder errichteten Lazaret, nachdem die Erregung der christlichen Bevölkerung wieder geschwunden war, ruhig hausen. Sie erhielten unter dem Titel von „Krankeninspektoren" wieder ihre Vorsteher, die ihre gemeinsamen Angelegenheiten besorgten und sie vor den Behörden vertraten. Diejenigen, welche keine Aufnahme in die Stadt gefunden hatten, mußten allerdings zusehen, wie sie den Winter auf dem Lande ver-