Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 285 (sequence 289)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2644300-2644301--0290-2644631- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
285 kreuze befestigtes Plakat gefunden wurde, dessen Inhalt die Statthalter des Ungehorsams gegen Ihre Majestät zieh und sie als Patrone der Feinde der Christenheit verhöhnte, den Juden abei mit Mord und Totschlag drohte, wenn sie nicht alsobald wieder von dannen ziehen und die Stadt meiden, sah sich die Statthalterei veranlaßt, energische Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die Stadthauptleute erhielten sofort den gemessenen Befehl, die Übeltäter und deren Inspiratoren auszuforschen, die Bevölkerung aufs nachdrücklichste vor allen Exzessen zu warnen und etwaigen Tumultuanten die schärfste Strafe anzudrohen. Der Stadtkommandant Feldmarschalleutnant Graf Kajetan Kolowrat wurde ersucht, die Hauptwachen verstärken zu lassen und Streifwachen in die Stadt zu entsenden, damit jeder Versuch, die Ruhe zu stören, sofort niedergeschlagen werden könne. Daß die Statthalterei keineswegs gesonnen war, einem etwaigen Terror zu weichen, bezeugt der Umstand, daß sie wenige Tage nach dem Erscheinen des erwähnten Pamphlets, nämlich am 23. Dezember, der Ausweisungskommission gestattete, nicht allein die Zahl der schwarzen Einlaßscheine für die Juden von 100 auf 200 täglich zu erhöhen und deren Erlös für das jüdische Krankenspital zu verwenden, sondern auch weitere 200 Kranke in die Stadt mit der Bedingung aufzunehmen, daß jeder aufgenommene Jude sich mit einem Revers zu verpflichten habe, sich in der Stadt allen Handels zu enthalten und dieselbe, falls inzwischen keine diese Verfügung abändernde allerhöchste Resolution erfolgen sollte, bis Ende Feber 1746 wieder zu verlassen und sich aufs Land zu begeben. Gleichwohl aber fand sie es für angezeigt, ihr Vorgehen in Wien zu rechtfertigen, um allfälligen Denuntiationen, daß sie durch ihr Entgegenkommen den Juden gegenüber den Intentionen der Kaiserin zuwidergehandelt habe, zu begegnen. Sie ließ darum unter demselben Datum einen Bericht an die böhmische Hofkanzlei abgehen, in welchem sie die von ihr der Ausweisungskommission „pur aus christlichem Mitleiden4' erteilte Ermächtigung zur Kenntnis brachte und dieselbe auch noch damit begründete, daß infolge der elenden Unterkunftsverhältnisse der Juden die Krankheiten unter ihnen derart beängstigend zunehmen, daß eine Epidemie auch für die übrige Bevölkerung zu befürchten sei. Des weiteren bat sie um eine allerhöchste Finalresolution, weil sonst „dieses dermalen ohne alle Nahrung exilierte Judenvolk die noch etwa übrigen wenigen Nahrungsmittel gar aufzehren und endlichen dem Publico nur zu einer schweren Überlast dienen" müßte und nicht mehr imstand sein würde, „dem Publico einige Dienste zu prästieren und dem ohnedies hierzuland zu Boden gesunkenen Commercio förderlich zu sein." Von den Versuchen einer neuen Judenhetze in Prag, ihren Motiven und von den seitens der Statthalterei getroffenen Gegenmaßnahmen