Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 284 (sequence 288)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2644300-2644301--0289-2644630- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
284 fähr zur selben Zeit die Rückkehr in diese Städte weigerte und sogar den Auftrag gab, es möge ihr ein Vorschlag ausgearbeitet werden, „wie angefangen werden könnte, selbte aus dem Land gleich zu bringen." Unter diesen Umständen ist es den Männern, die im Kollegium der Statthalter des Königreichs Böhmen saßen, und jenen, welche die Ausweisungskommission bildeten, gewiß hoch anzurechnen, daß sie in Lrkenntnis ihrer Menschen- und Christenpflicht, im Rahmen der ihn<kn zustehenden Befugnisse nach Mitteln suchten und sie auch fanden, um die Leiden der Prager Judenemigranten wenigstens einigermaßen zu lindern. Vor allem machte die Statthalterei im Wege der Kreisämter Beraun, Koufün und Rakonitz ihren Einfluß dahin geltend, daß die Dominikalämter in der Prager Peripherie einer größeren Anzahl wenig bemittelter oder ganz mittelloser kinderreicher Familien entsprechendere Winterquartiere in Meierhöfen und anderen herrschaftlichen Häusern entweder umsonst oder gegen geringes Entgelt zur Verfügung stellten. Weiter veranlaßte sie eine erhöhte Nahrungsmittelbelieferung Prags und der Umgebung aus den Landbezirken. Endlich erteilte sie der Ausweisungskommission die Erlaubnis, die seit Oktober krankheitshalber oder anderer Ursachen wegen in die Stadt aufgenommenen Juden samt ihrem oft aus der ganzen Familie bestehenden Pflege-, Geschäfts¬ oder Arbeitspersonal hier weiter zu behalten. Im Laufe der Monate November und Dezember fanden nicht wenige neu Erkrankte und andere Hilfsbedürftige Einlaß, die ebenfalls mit zahlreichen Angehörigen ihre alten Wohnungen bezogen, ohne auf ernstlichen Widerstand seitens der Behörden zu stoßen. Die Zahl der zu Ende des Jahres 1745 in Pragbefindlichen Juden ist nicht bekannt. Doch dürfte sie recht erklecklich gewesen sein. Die große Menge der Juden in der Stadt und der Umstand, daß dieselben ungeachtet des allerdings nicht sehr ernst gemeinten und noch weniger ernst befolgten provisorischen Handelsverbots in der Stadt ihrem Erwerb nachgingen, gaben der durch die wachsende Konkurrenz sich immer stärker benachteiligt fühlenden Prager Handelskonfraternität den, wie es scheint, nicht unerwünschten Anlaß, wieder einmal die Inszenierung einer Judenhetze zu versuchen. Verunglimpfungen von Juden waren, seit ihre Zahl in der Stadt stetig zunahm, gewiß keine große Seltenheit. Allein seit Anfang Dezember begannen sich die Insulte auffällig zu mehren. Da und dort fand man auch schon wieder in den zur Judenstadt führenden Gassen die altüblichen Hetzzettel verstreut. Die Behörden verfolgten diese Zeichen einer wieder auflebenden Animosität gegen die Juden mit Aufmerksamkeit, jedoch auch mit nicht geringer Besorgnis. Als dann am Morgen des 18. Dezember, am Jahrestage der Herausgabe des Ausweisungsediktes, auf der Karlsbrücke ein in der Nacht am sogenannten Juden-