Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 281 (sequence 285)
- Language
- German
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281 zu constituieren hätten, mit desto mehrerer Verläßlichkeit und uninteressierter Sincerität geschehen möge, seind wir der weiteren alleruntertänigst unvorgreiflichen Meinung, daß dero königliches Gubernium narh eingeholtem vorläufigen Gutachten von einer der gesamten Judenschaft die beste Notiz habenden Commission sowohl die Familien, welche allhier eine neue Communität zu formieren hätten, als auch deren einstige Vorsteher in Vorschlag zu bringen haben würde." Maria Theresia war in den letzten Oktobertagen aus dem Reiche, wo sie in Frankfurt am 4. Oktober der Krönung ihres Gemahls zum Kaiser beigewohnt und mit ihm vor und nach derselben eine Reihe deutscher Städte besucht hatte, in welchen sie von der Bevölkerung mit großer Begeisterung aufgenommen worden war, tief befriedigt nach Wien zurückgekehrt. Die sorgenvolle Unruhe und die nicht wenig gesteigerte Reizbarkeit, welche ihre Entschlüsse und Handlungen in den letzten Monaten ungünstig beeinflußt hatten, waren trotz der nur unwesentlich gebesserten außenpolitischen Lage einer gewissen Beruhigung gewichen. Das wiedergewonnene und gefestigte innere Gleichgewicht der Kaiserin ließ erhoffen, daß sie nunmehr auch mit größerer Überlegung und Unvoreingenommenheit an die Lösung einiger dringender innerpolitischer Fragen werde herantreten können. Zu diesen gehörte nicht in letzter Linie auch die nicht allein in den Prager, sondern nun auch schon in den Wiener Amtskreisen als brennend empfundene böhmische Judenfrage. Die Böhmische Hofkanzlei, welche im August es nicht für ratsam gefunden hatte, sich in dieser Angelegenheit zu exponieren, entschloß sich jetzt, gestützt auf den neuen Prager Bericht, einen entschiedenen Vorstoß zu wagen. Der Oberstkanzler Graf Harrach ließ zu diesem Bericht ein Votum verfassen, das an eindringlichem Ernst und ungeschminkter Offenheit nichts zu wünschen übrig läßt. Es könne der böhmischen Hofkanzlei, so heißt es hier, gewiß nicht der Vorwurf gemacht werden, daß sie dem anwachsenden Judentum je das Wort gesprochen habe. Im Gegenteil sei sie jederzeit bestrebt gewesen, Mittel vorzuschlagen, die geeignet wären, sich dieser Last ohne Schädigung der öffentlichen Interessen zu entledigen. Auf dem Standpunkte, daß dem steigenden jüdischen Einflüsse zu begegnen sei, stehe sie noch „in dem Masse jedoch, daß nach ihrem Begriffe die Judenschaft aus allen königlich böhmischen Erblanden ganz und gar abzuschaffen und auszurotten weder dem Publico und der allerhöchsten Landesherrschaft Dienst ersprießlich, noch auch in gewisser Weise und wegen der in executione unterlaufenden überaus beschwerlichen, das Christentum selbst betreffenden Anstände wohl kaum möglich sei." Der ursprüngliche Plan, die Juden insgesamt bis Ende Juni aus Böhmen hinauszuschaffen, sei allerdings nicht zur Ausführung ge- 19