Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 279 (sequence 283)
- Language
- German
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279 Besorgnis, es könnte Ihre Majestät davon erfahren und darüber ihr Mißfallen äußern. Graf Kolowrat schlägt darum vor, die Statthalterei möge vor allem kundmachen lassen, daß alle Emigranten, welche vom Lande in die Nähe der Hauptstadt zurückgekehrt seien, sofort wieder ihren bisherigen Aufenthaltsort aufzusuchen haben, da sie unter gar keinen Umständen Einlaß in die Stadt erhoffen dürfen. In Hinsicht der schon seit früher in der Umgebung Prags einquartierten Juden, die tagsüber ihren Geschäften in der Stadt nachzugehen pflegen, bittet er um die Ermächtigung, die Zahl der schwarzen Einlaßscheine auf ungefähr 50 pro Tag reduzieren zu dürfen, da man anzunehmen berechtigt sei, daß diejenigen Emigranten, die Besitz- und Vermögensangelegenheiten in Prag zu liquidieren hatten, dieselben doch schon endlich bereinigt haben könnten. Den Torschreibern wolle überdies aufgetragen werden, bei Strafe der Dienstentsetzung keinen einzigen Juden mehr ohne Passierschein einzulassen. Den Vorschlägen des Leiters der Ausweisungskommission stimmte das Kollegium der Statthalter im großen und ganzen zu. Nur wollte es den für die Tagespassanten einzuführenden Numerus clausus nicht allzu eng bemessen wissen. Die beantragte Zahl 50 wurde darum auf das Doppelte erhöht und überdies die Erwartung ausgesprochen, es werde darüber hinaus keinem Juden der Einlaß verwehrt werden, der wirklich noch dringende Angelegenheiten in der Stadt zu erledigen habe. Auch dürfe durch diese Maßnahme die jüdische Marktfreiheit in keiner Weise beeinträchtigt werden. In Hinsicht der auf rote Zettel Einlaß heischenden oder schon in die Stadt aufgenommenen Juden wurde es dem Grafen Kolowrat freigestellt, sich zur Unterbringung und Überwachung derselben allenfalls des früheren jüdischen Quartiermeisters Markus Löwi zu bedienen. An der Erörterung seines Memorandums nahm Graf Kolowrat in seiner Eigenschaft als Mitglied des Statthalterkollegiums persönlich teil. Er nahm die Gelegenheit wahr, seinen Kollegen seine eigene außerordentlich schwierige Aufgabe, die ihn in einem steten Zwiespalt zwischen der übernommenen Amtspflicht und seinem rechtlichen und menschlichen Empfinden gefangen halte, zu schildern und ihnen auf Grund seiner genauen Kenntnis der Verhältnisse die Unhaltbarkeit des bisherigen Zustandes vor Augen zu stellen. Und unter dem tiefen Eindruck seiner Ausführungen faßte das Kollegium, dem an diesem Tage in Abwesenheit des Oberstburggrafen Graf Philipp von Gallas präsidierte, den Beschluß, an die Kaiserin neuerdings mit ernsten Vorstellungen heranzutreten. Diesmal sollte jedoch der Kaiserin nicht etwa nur eine Schilderung der kläglichen Lage der Prager Judenschaft ge-