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Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 278

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Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 278 (sequence 282)
Language
German
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IRI
…/2644300-2644301--0283-2644624
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278 zur Zeit des in der Altstadt alljährlich stattfindenden St. Wenzelsmarktes, bot sich den verwunderten Pragern das unerwartete Schauspiel, daß eine große Menge von Juden mit Waren beladen aus allen Richtungen zu den Toren hereinzog, welche ihre Sachen, weil der Tandelmarkt zu klein war, auf dem heutigen Obstmarkte auslegten und feilboten. Die bürgerliche Handelskonfraternität erhob dagegen unverweilt die Beschwerde bei der Statthalterei mit dem Begehren, es möge den Juden aller Handel in der Stadt untersagt und ihre Waren beschlagnahmt werden. Der Oberstburggraf wies diese Forderung mündlich kurzweg ab mit dem Bemerken, daß bisher ein Handelsverbot für die Juden nicht bestehe. Unterm 5. Oktober trug er überdies noch dem Altstädter Stadthauptmanne Grafen von Breda auf, der Handelskonfraternität, welche sich ein jus prohibendi erzwingen zu wollen seheine, eine schriftliche Abweisung ihres unstatthaften Begehrens zuzustellen. Jedoch auch verschiedene andere Klagen christlicher Gewerbsleute gegen die immer fühlbarer werdende jüdische Konkurrenz, welchen die Handelskonfraternität anscheinend nicht ferne stand, ließen den Leiter der Ausweisungskommission Grafen von Kolowrat zu dem Entschlüsse kommen, der Stathalterei Maßregeln vorzuschlagen, mit denen dem allzu stark angewachsenen Zuzüge der Juden nach Prag gesteuert werden könnte. Er tat dies in einem Memorandum, das er der Statthalterei am 5. Oktober gelegentlich der an diesem Tage stattfindenden Kollegialsitzung überreichte. Er begründete darin zunächst seine bisherige milde Haltung den Emigranten gegenüber mit dem Hinweis auf deren unsäglich traurige Lage, der menschliches Mitgefühl nicht versagt werden könne. Es sei zu bedauern, sagt er weiter, daß die Juden von der Erlaubnis, sich weiter im Lande ausbreiten zu dürfen, nahezu keinen Gebrauch gemacht haben. Im Gegenteil sei sogar der unerwünschte Fall eingetreten, daß eine große Anzahl jener, die schon früher auf dem Lande sich niedergelassen hatten, mit beginnendem Herbste in die Umgebung Prags zurückkehrte und hier die Obdach- und Nahrungsnot noch wesentlich steigerte. Dieser Notstand im Verein mit der andauernd ungünstigen und kalten Witterung habe eine derartige Menge von Krankheitsfällen zur Folge gehabt, daß er, Graf Kolowrat, bemüßigt gewesen sei, eine nicht unbedeutende Anzahl von kranken Juden für die Dauer ihrer Krankheit in die Stadt aufzunehmen, um sie nicht infolge Mangels ärztlicher Hilfe in ihren Schlupfwinkeln zugrundegehen zu lassen. Die Zahl der Einlaß heischenden Kranken und mit Leibesbürde behafteter Frauen sei aber in letzter Zeit derart gestiegen und auch die Menge anderer geschäftehalber nach Prag kommender Juden wachse von Tag zu Tag in solchem Masse, daß er billigerweirse Bedenken tragen müsse, so wohlwollend wie bisher vorzugehen, in der

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