Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 274 (sequence 278)
- Language
- German
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274 Seit dem Dekrete vom 15. Mai, welches man im Inlande und zum Teil auch im Auslande bei der bisherigen Einstellung Maria Theresias als eine ganz außerordentliche Konzession betrachtete, die geeignet wäre, die auch in höchsten Amts- und Hofkreisen fast allgemein als verfehlt angesehene Aktion im Sande verlaufen zu lassen, war in Wien die Judenfrage stark in den Hintergrund getreten. Die Juden sollten nach Ansicht dieser Kreise froh sein, daß man sie in Ruhe ließ und sich nicnt weiter um sie scherte. Bleiben durften sie ja vorläufig im Lande, so lange eben, bis man sich ihrer wieder erinnern würde. Wie sie hausen mußten ohne Haus und Herd, wie sie dahinvegetieren mußten in Not, Elend und Krankheit, das hatte man nicht vor Augen, darum dachte man nicht daran. Maria Theresia selbst hatte übrigens in den letzten Monaten andere Sorgen gehabt. Die Vorbereitungen zu einem neuen Feldzuge gegen Preußen, das Fehlschlagen und Ende dieser Aktion mit der Niederlage bei Hohenfriedberg, das scharfe Drängen Englands zu einem Ausgleich Maria Theresias mit ihrem gehaßten Widersacher Friedrich II., die schwierigen Verhandlungen über die Wahl ihres Gemahls, des Großherzogs Franz zum Kaiser, das waren lauter Angelegenheiten, die das Denken und Handeln der Königin voll in Anspruch genommen hatten. Als der Bericht der Prager Statthalterei in der Judenfrage in Wien einlangte, war allerdings bereits eine wesentliche Entspannung der außenpolitischen Gesamtlage eingetreten. Allein in der Hofkanzlei waren doch nur Bedenken rege, ob es im Interesse der Juden selbst gelegen sei, jetzt schon ihre in Ruhe befindliche Frage wieder aufzurollen und damit vielleicht Maria Theresias Starrsinn wieder aufzureizen. Nach einigem Zögern entschloß man sich, den Prager Hofbericht ohne Antrag vorzulegen. Dies geschah am 31. August mit dem verlegenen Bemerken, daß sich die Hofkanzlei nicht getraue, „sich hierinfalls in was weiteres einzulassen, da ihr bisher nicht bekannt geworden sei, ob es Ihrer Majestät Intention wäre, dennoch mit der Zeit die Judenschaft völlig abzuschaffen oder auf eine andere Art zu reduzieren und lediglich in solchem Stand, der dem gemeinen Wesen konvenabel wäre, beizulassen." Mit Rücksicht auf die fortgeschrittene Jahreszeit und die übrigen von der Prager Statthalterei und der Ausweisungskommission angeführten Umstände bitte sie lediglich um eine baldige Resolution. Die erhielt sie auch sofort mit dem auf dem Akte eigenhändig angebrachten Vermerke Maria Theresias: „Sollen weiters auf dem Land sich ausbreiten dörfen bis weiterer Ordre." Über das königliche Reskript, welches in Prag am 7. September einlangte, dürften die Statthalter und die Ausweisungskommission, namentlich der letzteren Haupt, Graf Philipp Kolowrat, auf dessen Schultern vor allem die Last der Judenaktion ruhte und dessen humanes