Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 269 (sequence 273)
- Language
- German
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269 führen, oder war doch die endliche Einsicht, daß die Vertreibung der Juden der christlichen Bevölkerung nicht weniger Schaden bringen müsse als jenen selbst, Siegerin geblieben über ihren bisherigen Starrsinn? Fremde Interventionen waren aber, soweit die vorhandenen Quellen Einblick gewähren, mit Ausnahme der erwähnten türkischen am 13. April, seit Ende März nicht erfolgt und die Statthalterei und die Hofkanzlei hatten sich seit dieser Zeit nur auf einige ganz kurze Relationen über die Ausschaffung von genesenen Juden aus Prag beschränkt, ohne auch nur ein einzigesmal die noch immer zwischen den Christen und den Juden bestehenden finanziellen Schwierigkeiten zu berühren. Auffällig war es, daß schon um die Mitte April der Jude Markus Löwi wieder seine Wohnung in Prag bezog, daß ihm bald auch seine ganze Familie und eine Anzahl anderer Juden folgte, daß zu gleicher Zeit auch Herz Piseks Witwe mit ihren Leuten sich wieder in ihrem Hause dauernd niederließ. Das Rätsel fand seine Lösung, als Markus Löwi, der frühere Armeelieferant, seine Tätigkeit wieder aufnahm und die leeren Militärmagazine zu füllen und neue anzulegen begann und Herz Piseks Witwe bedeutende Monturenlieferungen tibernahm. Die außenpolitische Lage erforderte die weitere Abwehr der zahlreichen Feinde der jungen Königin. Zu diesem Zwecke war die Ausrüstung neuer Regimenter notwendig. Wer konnte dies am besten, raschesten und billigsten besorgen? Der, welcher es früher iftimer getan hatte: der Jude mit seinem ganzen weit verzweigten und präzise funktionierenden Kredit- und Einkäufsapparät. Den Juden durfte man also in dieser Zeit der Besorgnis Und Gefahr nicht so ohne weiteres aus dem Lande jagen. Man brauchte ihn und darum durfte er vorläufig bleiben. Dies und keine andere Erwägung zwang Maria Theresia zur Milde. Dies war der Beweggrund zu dem Reskript vom 15. Mai 1745, das von denen, die es zunächst anging, freudig begrüßt und auch von den ausländischen Judehgemeinden mit Genugtuung als erstes Zeichen einer Besserung der Lage der böhmischen Judenschaft aufgenommen und gefeiert wurde.5) Obwohl ein Handelsverbot für die Prager Exulanten bisher nicht ergangen war, hatte es die Behörde doch für zweckmäßig erachtet, für die Juden Erlaubnisscheine zum Aufenthalte in der Hauptstadt vom Morgen bis zum Abend ausschließlich zum Zweck der Liquidierung alter Geschäftsbeziehungen einzuführen. Neue Geschäfte sollten nicht gemacht werden. Allein schon bald nach dem Auszuge wurden solche dennoch eingeleitet und durchgeführt. Zuerst nur in ganz bescheidenem Umfang, allmählich in steigendem Maße. Die städtischen und landesfürstlicheri Behörden sähen dies, doch griffen sie nicht allzu störend ein und hatten eigentlich nur darauf acht, daß nicht größere Wärehrtiengen aus der