Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 237 (sequence 241)
- Language
- German
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237 antijüdischen Verordnungen ist unbestritten. Das, was betreff der Juden die Memoranden der Reduktionskommission und der Statthalter darlegten, war übrigens öffentliche Meinung der höheren Gesellschaftsschicht in Böhmen, sowohl der aristokratischen Beamtenschaft und des katholischen Klerus als auch der Handels- und Handwerkskreise der Bürgerschaft. Von dieser ausgesprochen judenfeindlichen Stimmung, die sich seit der Thronbesteigung Karls VI. immer lauter bemerkbar machte, war namentlich das Kommerzkolleg erfüllt. Diesem war es vor allem darum zu tun, daß die Lösung der jüdischen Frage in der kürzesten Zeit und auf die radikalste Art durchgeführt werde. Denn die Erwägung, auf welche Weise der Judenhandel zugunsten der Handels- und Industrieunternehmung der Christen einzuschränken sei, stand im Vordergrunde des Interesses des Kommerzkollegs, und aufgrund des gesammelten Materials gelangte es zu ähnlichen Schlüssen und Vorschlägen, wie alle bisherigen Judenreduktionskommissionen. Weil es jedoch im Programm des Kommerzkollegs lag, nicht bloß Prags, sondern ganz Böhmens Handel und Industrie aus dem bisherigen Tiefstande zu heben und emporzubringen, beschränkte sich sein Interesse nicht auf die Prager Juden allein, sondern wandte sich der gesamten in Böhmen wohnhaften Judenschaft zu. Daher wird das Problem einer Reduktion des Prager Ghettos inbezug auf Bevölkerung, Handel und Bauumfang namentlich seit Anfang der Zwanzigerjahre des XVIII. Jahrhunderts zum Teilprogramm des großen und weitreichenden Reduktionsprogramms, das gleichmäßig der gesamten böhmischen Judenschaft sehr empfindlich an den Leib rücken sollte. Freilich wandten die Reduktionspläne auch weiterhin ihr Augenmerk vorzugsweise der Prager Judenschaft zu; es war dies die natürliche Folge der exponierten Stellung, welche das Prager Ghetto um seiner wirtschaftlichen Stärke und seines Volkreichtums willen unter den Judengemeinden Böhmens einnahm. Diese vorzugsweise Berücksichtigung des Prager Ghettos als Repräsentanten des böhmischen Judentums spiegelt sich auch klar in der Denkschrift, welche vermutlich i. J. 1718 von der christlichen Prager und böhmischen Handelswelt der zum Studium der Judenprivilegien errichteten Kommission vorgelegt wurde, als die Prager und böhmische Judenschaft um Bestätigung ihrer Privilegien bittlich geworden war.1) Diese Denkschrift zählte zunächst die Ursachen auf, weshalb die Juden in Böhmen und vorweg in Prag die Führung im Handel an sich gerissen und diesen angeblich zu einem Großteil in ihren Händen monopolisiert hätten. Auch hier wird zuerst die häufige Klage auf das übermäßige Anwachsen der Juden wiederholt, die namentlich auf der Altstadt fast schon die christliche Bevölkerung überwogen; die Wurzel dessen wird