Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 225 (sequence 229)
- Language
- German
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225 ausgearbeitet hatte. In Wirklichkeit aber verstrichen mehr als vier Jahre, bevor in der böhmischen Kanzlei das Gutachten der Statthalter zustandekam, und es bedurfte einer weitern Zeitspanne von anderthalb Jahren, bevor das ausgefertigte Gutachten nach Wien gelangte, in die Hände des obersten böhmischen Kanzlers. Die Motive dieser Verzögerung — abgesehen von der Verlegenheit der Statthalter ob des umfangreichen Berichtes — lassen sich aus dem erhaltenen amtlichen Material nicht ausmachen; nichtsdestoweniger ergeben sich einige davon aus der gleichzeitigen Lage. Die Statthalter hatten kaum sachliche Einwände gegen die Anträge der Reduktionskommission. Die antijüdische Stimmung hatte in den politischen Kreisen derart platzgegriffen, daß man mit völliger Sicherheit eine rückhaltlose Zustimmung der Statthalter zu dem radikalen Reduktionsrjrogramm der jüdischen Kommission auch für den Fall voraussetzen kann, wenn das Gutachten der böhmischen Kanzlei nicht vorhanden wäre, worin diese Zustimmung deutlich dokumentiert ist. Die Verzögerung der statthalterischen Relation war wohl vor allem dadurch verursacht, daß der Reduktionsplan des Prager Ghettos gerade in dieser Zeit durch Einbeziehung der gesamten böhmischen Judenschaft in die Lösung der jüdischen Frage eine Komplizierung erfuhr. Bis dahin stand im Vordergrund des amtlichen Interesses lediglich die Prager Judenstadt, die durch die zahlenmäßige Stärke ihrer Bevölkerung und ihre wirtschaftliche Bedeutung begreiflicherweise die kleinen im Lande verstreuten Judengemeinden in den Hintergrund verdrängte. Durch das Zutun des Kommerzkollegs wurde jedoch die Aufmerksamkeit auch auf die Landjudenschaft, namentlich auf deren Handel gelenkt, und es wurde bereits daran gedacht, das Reduktionsprogramm auch auf sie zu erstrecken. Daher verschmilzt in den folgenden Jahren das Reduktionsprogramm des Prager Ghettos mit dem Reduktionsprogramm der desamten böhmischen Judenschaft. Vielleicht trug zur Unschlüssigkeit der Statthalter auch das Verhalten der böhmischen Kammer in der Judenfrage bei; ihr Standpunkt war durch das Fernbleiben des Rates Brandlinsky von der Reduk- ^ionskommission deutlich ausgedrückt. Neue Verlegenheit verursachte gewiß auch die Einleitung von Verhandlungen und schließlich die Bestätigung der jüdischen Privilegien durch Kaiser Karl VI. i. J. 1719. Zuguterletzt führte vielleicht auch der Umstand eine gewisse Kollision herbei, daß die keineswegs aufgelöste Kommission für jüdische Wirtschaft und Verwaltung ihre Tätigkeit fortsetzte. Die Hauptursache für den Aufschub der Ausarbeitung der statthalterischen Relation gab jedoch das Gesuch der Prager Judenältesten, man möge in der Reduktionsfrage auch das Ghetto hören. Die Reduktionskommission hatte zwar bei Vorbereitung ihres Memorandums noch