Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 216)
- Language
- German
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212 Ghetto auch am Sonntag und an Feiertagen bis zur IL Stunde vormittags geschlossen bleiben. Solange die Judenstadt geschlossen wäre, dürfte unter strenger Strafe niemand dieselbe verlassen und niemand hineingelassen werden, sei es Christ oder Jude. Weit gefährlicher für das Prager Ghetto waren jedoch jene Anträge der Reduktionskommission, die sich auf die Herabsetzung der jüdischen Bevölkerungszahl und auf Beschränkung des jüdischen Handelsbetriebs bezogen. Ihrem Antrag auf Reduktion der Prager Judenzahl hatte die Kommission im vierten Teile ihres Memorandums den Hinweis auf jene Reduktion vorausgeschickt, die angeblich der böhmische Herzog Wratislaw i. J. 1076 durchgeführt hat, indem er angeblich die Zahl der tolerierten Juden in Böhmen auf tausend Personen festsetzte, und den Hinweis auf den judenfeindlichen Landtagsschluß v. J. 1541. Nach ihrer Überzeugung waren auch in die auf Befehl Ferdinands I. angelegten Register der Geleitsjuden nicht mehr als tausend Personen eingetragen; diese Register fehlten jedoch unter dem historischen Material der Kommission.23) Diese Quote der tolerierten Juden schwebte auch der Reduktionskommission als Ideal vor, dem sie sich wenigstens zu nähern trachtete. Sie schilderte daher die Gefahr eines Anwachsen* der jüdischen Bevölkerung in Prag in den schwärzesten Farben. Sie machte natürlich auch auf den Umfang der i. J. 1680 projektierten Judenreduktion aufmerksam, die nach den Berechnungen des Memorandums die Zahl der Prager Juden um 4.000 Personen, also auf 3.100 Personen, hätte herabsetzen sollen (so waren die i. J. 1680 zur Ausweisung bestimmten 1337 Familien umgerechnet). Namentlich aber betonte die Kommission den beunruhigenden Aufstieg der jüdischen Bevölkerung um die Wende des XVII. und XVIII. Jahrhunderts: i. J. 1703 betrug sie mehr als ein Drittel (11.517 Personen) der Prager Gesamtbevölkerung, deren christlicher Anteil keine 30.000 Personen erreichte. Die Kommission rechnete damit, daß die Juden in Prag binnen der nächsten 20 Jahre mindestens um 5.000 Personen anwachsen würden, denn der Zuwachs in den Jahren 1680—1702 hatte 4.404 Personen betragen, und so würden sie dann mehr als die Hälfte der gesamten Prager Bevölkerung ausmachen; eine natürliche Reduktion durch die Pest wurde überhaupt nicht in Rechnung gestellt, wiewohl gerade in jener Zeit um ihrer regelmäßig furchtbaren Folgen willen mit ihr gerechterweise zu rechnen gewesen wäre. Diese Perspektive wurde von der Kommission noch weiter in die Zukunft verlängert, bis in Prag die Juden angeblich die Christen überwiegen würden.24) Die Berechnung hatte natürlich bloß theoretisches Interesse und entsprach keineswegs der Wirklichkeit. Die Kommission selbst war sich an anderm Orte gut dessen bewußt, daß das Prager Ghetto ob der Unmöglichkeit einer