Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 206)
- Language
- German
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202 definitive Lösung der jüdischen Frage neuerdings aufgenommen wurden. Der seit Anfang des XVIII. Jahrhunderts von den erwähnten Bestrebungen um Hebung des Handels und der Industrie in Böhmen beeinflußte Kampf gegen die Juden war nur eine Fortsetzung des antijüdir sehen Kampfes der vorangehenden Jahrzehnte und er knüpfte auch bewußt an sie an. Wie im Jahre 1708, so war es auch i. J. 1714 die Wiener Regierung, welche den Anstoß zum erneuerten Aufrollen der Judenreduktionsfrage gab. Das ansehnliche Bündel Akten über das jüdische Problem in der Registratur der böhmischen Hofkanzlei wurde zum Gegenstand angelegentlichsten Interesses der Regierung. Das Studium der Schriften mochte sehr reiche Belehrung bieten; es mußte namentlich dartun, daß das, was für die Gesundung des böhmischen Kommerzes in der letzten Zeit gefordert worden war, bereits vor 30—40 Jahren vorbereitet worden und daß sich diese nichtverwirklichten Pläne nicht bloß auf die Reduktion der Prager Juden durch Entfernung des „unnützen Gesindels" bezogen, sondern auch auf die Reduktion des Prager Ghettoumfanges. Dieser Erkenntnis entsprang am 8. Jänner 1714 das Reskript Kaiser Karls VI. an die Statthalter des Königreichs Böhmen, das den entschiedenen Willen des Herrschers kundtat, die älteren Reduktionsprojekte und -anläufe dem geplanten Endziel zuzuführen. Zu diesem Zweck errichtete das Reskript eine neue zehngliedrige Judenkommission. Zu Mitgliedern wurden ernannt: der Obristlandkämmerer Graf Maximilian Norbert Kolowrat, der Appellationspräsident Graf Johann Ernst Schaffgotsch, der Appellationsrat Graf Johann Josef Millesimo, der Altstädter Hauptmann Freiherr Ferdinand Franz von Äiöan, der Appellationsrat Maximilian Franz Alsterle von Astfeld, der Appellationsrat Johann Franz Turba, der Altstädter Primator Worzikow^ky von Kundratitz, das Mitglied des Altstädter Rates Johann Kaspar Brand und der Beisitzer des Sechsherrenamtes Matthias Gottfried Schramm; als Vertreter der böhmischen Kammer in der Kommission wurde Johann Rudolf Olbram Freiherr Brandlinsky namhaft gemacht. Gleichzeitig mit dem Reskript wurden zum Gebrauch der Kommision alle auf die Judenreduktion bezüglichen Akten der böhmischen Hofkanzlei nach Prag geschickt. Die Kommission erhielt ein sehr umfangreiches Programm zu erledigen, sollte mindestens zweimal wöchentlich zusammentreten und Abschriften ihrer Protokolle regelmäßig der böhmischen Hofkanzlei einsenden. Die Kommission sollte vor allem alle Akten betreff der Judenfrage3) sammeln und eine zwar knappe, aber erschöpfende Darstellung der Geschichte der Prager Juden ausarbeiten, namentlich wie die Juden nach Prag gekommen seien und sich hier vermehrt hätten, was für Privilegien sie erlangt, was in Landtagsschlüssen