Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 189 (sequence 193)
- Language
- German
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189 zahl in Prag zu stabilisieren. Es konnte ihr auch die Höhe der christlichen Bevölkerung Prags, namentlich jener der Altstadt, die hier am meisten ins Gewicht fiel, nicht unbekannt sein, ebensowenig auch die unausgesetzten Beschwerden über die übermäßige Zahl der Juden in Prag und infolgedessen über die drückende, ja unerträgliche jüdische Konkurrenz auf wirtschatflichem Gebiete. Es scheint daher, daß entweder in Wien die Voraussetzung durchdrang, daß die letzte Judenzählung ungenau und entgegen dem tatsächlichen Stande wesentlich zu niedrig sei — diese Voraussetzung konnte sicherlich durch das Gerücht von der ungeheueren Population des Prager Ghettos, von der die Hofkammer am 27. März 1705 sprach, und vielleicht auch durch die Daten der Zählung v. J. 1703 nur gestützt werden —, oder man rechnete mit dem natürlichen Zuwachs der letzten vier Jahre. In diesem Falle konnte man allerdings schwerlich von einem Reduktionsprogramm sprechen, dessen Verwirklichung nach allen bisherigen Plänen einer Stabilisierung vorangehen sollte. Das Programm der Wiener Regierung war daher ein Programm der Zukunft, nicht der Gegenwart, und bedrohte das zeitgenössische Ghetto mitnichten, mochte es auch seiner künftigen Entfaltung Fesseln anlegen. In Wirklichkeit konnte jedoch die proponierte Stabilisierung auch in der Zukunft kein ernstliches Hindernis für die Prager Judenstadt bilden, da diese bei ihrer beschränkten Baufläche eine höhere Population garnicht ertrug, wenn schon bei dem bisherigen Stande die Wohnverhältnisse auch bei der jüdischen Anspruchlosigkeit geradezu katastrophal waren. Bei 318 Häusern und 12.000 Einwohnern wären im Durchschnitt auf ein Haus 37*8 Einwohner gekommen, was die Fassungsfähigkeit eines Judenhauses mindestens um 100% überstiegen hätte. In der Tat wiesen auch die Kommissäre darauf hin, daß angesichts eines solchen Planes der Wiener Regierung alle Reduktionserwägungen gegenstandslos seien, und sie führten die Zahl der Prager Judenbevölkerung nach den Zählungen von 1703 und 1704 an, die mindestens um 500 Personen hinter der proponierten Stabilisierung zurückblieben. Sie betonten jedoch die Notwendigkeit, aus dem Ghetto die fremden Juden zu enfernen, ferner die nichtangessenen Juden, die keine oder bloß eine geringe Kontribution zahlen, und schließlich die unnützen und verdächtigen Juden. Diese Verfügung sahen sie auch für die jüdische Kontribution als förderlich an, weil auf diese Weise die Juden der lästigen Pflicht überhoben würden, ihre armen Glaubensgenossen zu unterstützen. Als Ideal schwebte der Kommission die Erneuerung des Reduktionsprogramms v. J. 1680 vor, dementsprechend von 7.113 Juden über 10 Jahre ein ganzes Drittel entfernt werden sollte — die Kommissäre machten mit Recht auch dar-