Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 192)
- Language
- German
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J88 Nach seiner Ankunft in Prag befahl Kinsky dem Altstädter Hauptmann Grafen Rudolf Josef von Lissau und dem Altstädter Primator Gottlob Johann Worzikowsky von Kundratitz, ihm mit Benützungder älteren Amtsakten Bericht darüber zu erstatten, ob sie die Durchführung einer Judenreduktion für unerläßlich erachteten, zugleich mit dem Antrag, was für Mittel anzuwenden wären, damit die herabgesetzte Judenzahl nicht wieder steige. In ihrem Gutachten referierten die genannten Kommissäre zunächst ausführlicher über die Reduktionsvorschläge aus der Zeit der großen Pest sowie über die Reduktionsversuche der Folgezeit. Diese Übersicht der Historie unausgeführter Reduktionspläne und -anträge beschlossen sie mit der Erklärung, daß die Durchführung der Judenreduktion sich sehr notwendig erweise, einerseits aus religiösen Gründen, anderseits mit Rücksicht auf die Altstädter christlichen Kontribuenten und auf die hygienischen Gefahren einer Übervölkerung des Ghettos. Sie wiesen auch darauf hin, es werde nötig sein, eine neue, genaue und vollständige Konskription der in der Prager Judenstadt weilenden Judenschaft durchzuführen ohne Unterschied von Geschlecht und Alter, weil sich die Verhältnisse während der verflossenen vier Jahre geändert hätten; diese Liste sollte neben den Namen genaue Angaben über die Kontributionspflicht jedes Juden13) enthalten. Bei der Reduktion beantragten die Kommissäre neben der Kontributionsfähigkeit auf die 318 jüdischen Häuser Rücksicht zu nehmen; die Kommission nahm natürlich das Ghetto vor dem Brande zum Ausgangspunkt und zog weder den zuletzt von der Judenkonimission i. J. 1700 beantragten Plan auf Verkleinerung der Judeustadt noch auch den Umstand in Rechnung, daß i. J. 1708 im Ghetto noch keine 318 Häuser vorhanden waren. Die Daten über den jüdischen Tandelmarkt. der recht weit vom Ghetto bei der St. Gallikirelie auf der Prager Altstadt lag, sollte der Altstädter Magistrat liefern. Die Kommission war sicherlich erstaunt, aus dem Munde des Obristkanzlers die Nachricht zu vernehmen, daß es in den Absichten der Wiener Regierung liege, die Zahl der Prager Judenschaft mit 12.000 Personen anzusetzen. Es ist zwar nicht genau bekannt, von welchen Voraussetzungen die Regierung zu dieser, gewiß sehr hohen Ziffer gelangte, am wahrscheinlichsten darf man darin die Wirkung des erfolgreichen Einschreitens der böhmischen und der Hofkammer erblicken, wodurch das ausschließlich fiskalische Interesse über jeden Zweifel hervorgehoben war. Trotzdem aber nimmt es wunder, daß die Regierung, welche die Ergebnisse der detailierten Judenzählung v. J. 1704 kannte, derzufolge es im Ghetto an 10.480 Juden gab, und welche jetzt das Reduktionswerk, d. h. die Herabsetzung der jüdischen Bevölkerungszahl, selbst in ihre Hände nahm, bereit war, eine so hohe Juden-