Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 155)
- Language
- German
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151 nach Ablauf eines vollen Vierteljahrhunderts seit dem Brande, i. J. 1714, als sich das Ghetto mit seinen 310 Häusern bereits dem Stande vor iem Jahre 1689 näherte, fand die Reduktionskommission in der Judenstadt noch recht viel Brandstellen. Aus diesen Angaben geht klar hervor, wie langsam sich das Ghetto in materieller Hinsicht von dem schweren Schlage erholte. Dafür wuchs während dieser Zeit die jüdische Bevölkerung über die Maßen an. Nach der großen Pest v. J. 1680 waren im Prager Ghetto von 7.113 Einwohnern nur 3.584 verblieben; doch bereits i. J. 1712 zählten die Juden selbst in ihrer Stadt 11.517 Personen. An Bevölkerungszahl hielt damals die Judenstadt völlig der Prager Altstadt die Wagschale und stellte mehr als ein Viertel der gesamten Bevölkerung Prags. Mit diesem gewaltigen Zuwachs des Judenvolks und dem Häusermangel in der Judenstadt während des letzten Jahrzehnts des XVII. Jahrhunderts hängt letzten Endes zusammen, daß in diese Zeit der unverhältnismäßige Zuwachs an sog. Partialpossessoren von Judenhäusern fällt. Wie sich diese Bevölkerungsmenge in 214 Häusern zusammendrängen mußte, bedarf keiner besonderen Erörterung.1) Obwohl man nicht außeracht lassen darf, daß die Juden, die ihre Stadt entgegen der kaiserlichen Resolution im Ausmaß des früheren Grundrisses wiederhergestellt hatten, nicht allzusehr darauf aumerksam machen wollten, so ist doch wohl ein fernerer Beweis dafür, daß es den Prager Juden zu vollständiger Erneuerung des Ghettos an finanziellen Mitteln gebrach, darin zu sehen, wenn die Juden erst zehn Jahre nach dem Brande, als der freie Eintritt in die Judenstadt Gefahr zu bringen drohte, daran gingen, ihre Gassen wenigstens provisorisch von den Altstädter Gassen abzuschließen. Auch diese Maßnahme vollzog sich nicht ohne ernste Schwierigkeiten. Auf die Replik hin, welche die Prager Judengemeinde gegen das Reskript vom 15. April 1690 eingebracht hatte, wurde den Juden gestattet, anstatt der angeordneten Umfassungsmauern rings um die ganze Judenstadt lediglich Tore an den Austrittsstellen ihrer Gassen in die Christenstadt zu errichten. Als jedoch ungefähr im September des Jahres 1699 die Juden, angeblich aus Furcht vor einem Angriff des Christenmobs gegen das Ghetto2) und wegen eines Versuches, in der Judenstadt an zwei Stellen Feuer zu legen,3) zur Wehr ihrer bisher offenen Gassen vorläufig hölzerne Tore zu bauen begannen, stießen sie beim Altstädter Magistrat auf entschiedenen Widerstand. Der Magistrat gab schließlich dem Sechsherrenamte den Auftrag, den halbfertigen Bau niederzureißen, was am 5. Oktober nachmittags vollzogen wurde; das durch Abbrechen der Tore gewonnene Material wurde in den Altstädter Gemeindehof geschafft und den Juden wurde nachträglich eine Geldbuße von 100 Schock auferlegt.4) Gegenüber diesem