Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 142)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2644300-2644301--0143-2644484- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
138 gegen die Moldau zu eine Umfassungsmauer zu errichten sei, warnte jedoch vor einer Bedrückung der Juden. Noch vor der endgültigen Entscheidung des Kaisers begannen die Juden mit der Erneuerung des Ghettos; übrigens hatten sich einzelne schon bald nach dem Brande wenigstens eine Notunterkunft auf der Brandstätte eingerichtet. In der ersten Maihälfte 1690 war bereits die halbe Judenstadt wiederhergestellt und am Bau arbeiteten 1000 bis 1200 Menschen.54) Diese Eile war gewiß vor allen Dingen im Mangel von Ersatzwohnungen begründet und in den Schwierigkeiten, auf die eine Unterkunft der Juden in Christenhäusern stieß. Nicht wenig unterstützte jedoch diese Baubewegung in der Judenstadt zweifellos auch die Absicht, die Ämter vor eine fertige Tatsache zu stellen; die Juden rechneten richtig damit, daß es ihnen im Falle eines Konfliktes mit den politischen Behörden gelingen werde, hinlänglichen und wirksamen Schutz bei der böhmischen und der Hofkammer zu finden. Und so wurde die neue Judenstadt nicht bloß auf den alten Fundamenten gebaut, sondern es wurden auch andere bauliche Verbesserungen, welche die Juden zuerst selbst zugesagt hatten, nicht eingehalten. Obwohl ausdrücklich streng verordnet war, daß die neuen Judenhäuser nur aus Stein gebaut werden dürften, und obwohl sich die Juden selbst für die Beobachtung dieser Maßregel verbürgten, so kehrten sie sich beim Wiederaufbau des Ghettos sogut wie garnicht an diese Sicherheitsvorschrift. So geht aus den erhaltenen Quellen hervor, daß im neuen Ghetto ebenso wie im alten neben den vom Feuer übrigens größtenteils unversehrten Kellern nur die Läden und Warenmagazine von Stein gebaut waren; das übrige war wiederum überwiegend von Holz. Darum machten die Statthalter den Versuch, mit Gewalt dem kaiserlichen Befehl Geltung zu verschaffen. Sie trugen bereits am 1. September 1690 der Judenkommission auf, unter der Aufsicht des Altstädter Sechsherrenamtes alle hölzernen Bestandteile der neuen jüdischen Häuser entfernen zu lassen. Die Judenkommission gab zunächst diesen Befehl den Judenältesten bekannt, und diese ersuchten um eine Woche Frist zur Durchführung des Auftrages, indem sie sich verpflichteten, die hölzernen Bauten selbst abtragen zu lassen. Die erbetene Frist wurde ihnen in der Tat eingeräumt, aber nach vierzehn Tagen zeigte sich, daß alles beim alten geblieben war. Daher unternahm das Sechsherrenamt im Auftrage der Judenkommission am 6. und 7. Oktober eine Visitierung der Judenstadt, bei der es nach der danach dem Altstädter Hauptmann erstatteten Meldung feststellte, daß die neuen jüdischen Häuser mehr Holz aufwiesen, als vor dem Brand; namentlich die Pawlatschen, Erker und Kammern waren aus purem Holz gebaut. Als dann das Sechsherrenamt in den Intentionen der böh-