Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 132)
- Language
- German
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128 daß sie das gemeine Volk zum Judentum zu verführen versuchten; er lehnte es darum ab, das Dekret nach dem Wunsche der Statthalter zu mildern; die Statthalter könnten ja übrigens den Christen untersagen, die Juden aus ihren Häusern zu jagen. Trotz dieses abschlägigen Bescheides sandten die Statthalter den Sekretär Steinbeck neuerlich zum Erzbisehof, um darüber zu verhandeln, ob sich nicht doch eine für beide Parteien annehmbare Formel finden ließe. Die Statthalter ließen dem Erzbischof durch Steinbecks Mund versichern, daß sie keineswegs die Absicht hätten, sich in geistliche Angelegenheiten einzumischen, betonten jedoch, daß das Prager Volk, verhetzt durch das erzbischöfliche Dekret, gewalttätig gegen die Juden aufzutreten beginne, sodaß Überfälle auf sie auf offener Straße keine Seltenheit seien. Um dieser seiner Auswirkung willen wurde das erzbischöfliche Dekret zu einer öffentlichen, politisch-polizeilichen Angelegenheit, die immerhin auch den königlichen Fiskus ernstlich in Mitleidenschaft zog. Darum stellten die Statthalter beim Erzbischof den Antrag, es solle jeder Priester, der zum Kranken mit dem Altarsakramente gehe, zwecks Vermeidung allen Ärgernisses von der Bürgerwache oder von besonders hiezu erlesenen Bürgern begleitet werden und die Juden sollten vor Ankunft des Priesters entweder aus dem Hause entfernt oder in entlegenen Räumen eingesperrt werden. Gegen die Synagogen und die jüdische Proselytenmacherei wollten die Statthalter willig einschreiten, wofern ihnen nur Ort und Personen namhaft gemacht würden. Der Erzbischof beharrte jedoch auch nach diesem Antrag auf seinem ursprünglichen ablehnenden Standpunkt dem Gesuche der Statthalter um Milderung des Konsistorialdekrets gegenüber. Die Ursache des Mißerfolges der Verhandlungen war jedoch, wie es scheint, viel mehr persönlicher als grundsätzlicher Natur. Auffallend ist bereits, daß zu den Verhandlungen mit dem Erzbischof — es war dies damals Graf Johann Friedrich von Waldstein — ein einfacher Sekretär delegiert wurde, obwohl es sich um eine recht heikle Angelegenheit und um eine Persönlichkeit von allererstem gesellschaftlichen Range handelte. Der Erzbischof selbst erklärte bei der zweiten Verhandlung Steinbeck gegenüber, er würde zwar unter andern Umständen auf den Antrag der Statthalter eingehen; er verharre aber auf seiner ablehnenden Antwort nur deshalb, weil ihm die Statthalter in andern Angelegenheiten auch nicht entgegengekommen wären. Er war im Gegenteil entschlossen, den Konflikt noch zu verschärfen, und nahm nicht nur die Prediger in Schutz, die das Volk gegen die Juden aufhetzten, sondern drohte sogar mit Republizierung der Papstbulle, kraft welcher diejenigen Christen, die mit Juden zusammen wohnen, exkommuniziert werden.