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Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 123

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Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 123 (sequence 127)
Language
German
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IRI
…/2644300-2644301--0128-2644469
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123 Helfer der böhmischen Kammer, die Fiskaldenunzianten, waren vom Ghetto allgemein gehaßt, jedoch keineswegs bloß aus materiellen Gründen, sondern vielmehr wegen Bruches der jüdischen Solidarität durch Verrat an die verhaßten Christen. So entbrannte denn in den nächsten Monaten nach Herausgabe des Dekrets ein erbitterter Kampf zwischen dem jüdischen Standpunkt, der in richtiger Vorahnung der drohenden Gefahr auf eine restlose Restitution der Verhältnisse vor dem großen Brande hinarbeitete, und dem Standpunkte der politischen Ämter, die bestrebt waren, einer allzugroßen Entfaltung des Judentums so feste Dämme zu setzen, als es ohne ernstliche Bedrohung der staatlichen Fiskalinteressen nur immer möglich war. In diesem Zweikampf zeigte sich bald das Übergewicht auf Seite der Juden. Durch die Entschließung vom 1. Oktober war allerdings das Prager Ghetto grundsätzlich gerettet und die Juden von der größten Gefahr befreit. Es steht fest, daß ihre Entfernung aus Prag, wenn auch bloß bis Lieben, für sie eine ziemliche wirtschaftliche Katastrophe und eine merkliche Verringerung auch des nicht immer sichern Schutzes bedeutet hätte, welchen ihnen vor den Gelüsten des räuberischen und mit vulgärem Antisemitismus erfüllten Gesindels der Altstädter Magistrat angedeihen ließ. Es darf auch nicht übersehen werden, daß das alte Ghetto mit seiner hundertejährigen Vergangenheit und Tradition, mit seinen berühmten Synagogen und seinem ausgedehnten Friedhof für die Prager Juden auch einen unschätzbaren moralisch-religiösen Wert besaß. Doch die Juden begnügten sich wie angedeutet nicht mit dem bisherigen Siege, zu welchem ihnen neben ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, wenigstens einigermaßen, bestimmt auch das menschliche Mitgefühl mit ihrem elenden Zustand verholfen hatte, sondern feie erblickten darin bloß die erste Etappe ihres Ringens um die Wiederkehr der Verhältnisse vor dem Jahre 1689. Es kann denn nicht wundernehmen, daß die Juden in ihrem Kampfe mit der ihrer Rasse eigenen Zähigkeit und Geschicklichkeit auftraten, indem sie natürlich die Meinungsverschiedenheiten zwischen der politischen und finanziellen Staatsverwaltung ganz gehörig ausnützten. Durch wiederholte dringliche Bitten und zweifellos auch durch Bestechung verstanden es die Juden nach und nach unterschiedliche Erleichterungen durchzusetzen, mit deren Hilfe sie schließlich den Plan, eine radikale Veränderung im Äußern und im Charakter des Prager Ghettos durchzuführen, gänzlich vereitelten. Einen nicht geringen Anteil am vollen Sieg der Prager Juden hatte auch ihr rascher Fortschritt im Wiederaufbau des Ghettos; sie stellten einfach die schwerfälligen und untereinander meinungsverschiedenen Ämter vor fertige Tatsachen, an den sich dann schwer etwas ändern ließ. Wie so oftmal früher und später war es auch diesmal die

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