Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 126)
- Language
- German
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122 grundsätzliche, aber bislang ungelöste Frage einer Reduktion der Frager Judengemeinde. Es setzte fest, daß sich die Zahl der neuen Judenhäuser nach der Zahl der bewilligten Judenfamilien richten müsse. Diese sollte im Einvernehmen mit der böhmischen Kammer bestimmt werden; für die Zukunft wurde angeordnet, daß diese genau festgesetzte Zahl der Judenfamilien nicht erhöht werden dürfe, und die Obsorge für die Einhaltung dieses numerus clausus wurde schon im vorhinein der böhmischen Kammer und dem Altstädter Magistrat übertragen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Bedingungen, unter denen das Reskript vom 1. Oktober 1689 einen Wiederaufbau der Judenstadt erlaubte, völlig hinreichten, um das Gesicht des bisherigen Ghettos wesentlich zu verändern und auch dessen ernstliche Mängel hygienischer und sicherheitlicher Natur zu beseitigen. Die Garantien für ein gesünderes und sicheres Ghetto sollten freilich auf Kosten der Juden geschaffen werden, indem ihre hohe Natalität und starke Immigration für die Zukunft bedeutend herabgesetzt werden sollte, ja die arme Judenschaft war zum restlosen Verschwinden verurteilt. Nach dem Aufgeben des Exstirpationsprogramms wollte die Regierung wenigstens eine merkliche Verminderung der Judenbevölkerung in einem vom Fiskalinteresse des Staates diktierten Ausmaße durchzuführen. Sicherlich gab es in der Prager Judengemeinde einen ziemlicher Prozentsatz armer Juden, welche weder zur Kontribution noch zu den Gemeindeauslagen beitrugen und ebensogut für den Staat und die Altstädter Gemeinde ohne Nutzen waren, wie sie ihren reicheren Glaubensgenossen zur Last fielen, indem sie ihre Mildtätigkeit in Anspruch nahmen. Eine Beseitigung der jüdischen Armut, unter der es genug solche Leute gab, die aus Not zu unlauteren Mitteln griffen, um sich zu ernähren, und derentwegen die ganze Gemeinde oft berechtigten Tadel über sich ergehen lassen mußte, konnte vielen Juden nur sympathisch sein und nicht minder auch der böhmischen Kammer. In Wirklichkeit ging jedoch das Programm des Reskripts vom 1. Oktober, wiewohl es nur in den Grundlinien umrissen war, doch viel weiter, als sich mit den Interessen auch jener Juden vertrug, auf deren Schultern die Schwere der Kontributionen und Abgaben lastete. Man darf auch das stark entwickelte Solidaritätsgefühl der jüdischen Bevölkerung nicht aus dem Auge verlieren, ein Solidaratätsgefühl, dem der Haß der christlichen Umgebung und die vielfach bittern Erfahrungen der ganzen Gemeinde und einzelner Personen besondere Stärke verliehen. Trotz bedeutender sozialer und wirtschaftlicher Unterschiede bildete die jüdische Gemeinde ein festgefügtes Ganzes, sodaß in entscheidenden Augenblicken die Bande des gemeinsamen festen Glaubens den Sieg über materielle Interessen davontrugen. Nur die geheimen