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Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 118

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Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 118 (sequence 122)
Language
German
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IRI
…/2644300-2644301--0123-2644464
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118 Bauplatz leiden könnten, da der Kaiser für die Judenstadt der Zukunft breite Gassen anordnete, wies der Neustädter Rat darauf hin, daß es auf der Neustadt viele wüste Baustellen gebe, deren Zahl durch den jüngsten Brand noch wesentlich vermehrt worden sei. Der Neustädter Rat ersuchte daher, es möge den Juden erlaubt werden, sieh zur Zierde der Stadt, „pro decore civitatis", auf den leeren Gründen der Neustadt niederzulassen und hier ihre Häuser aufzubauen.23) Auch der Neustädter Königsrichter, Graf Ferdinand Franz von Wrtby, unterstützte eifrig das Bittgesuch der Neustädter, es möge den Juden die Ansiedlung auf den Brandstätten der Neustadt freigegeben werden, und stellte sich entschieden gegen den Antrag der Altstädter auf Ausquartierung der Juden „extra moenia", wo nach seiner Ansicht und allgemeiner Erfahrung die neue Judenstadt einerseits zum Unterschlupf für Diebs¬ und Raubgesindel werden würde, wo aber auch anderseits ständige Gefahr vonseiten des christlichen Mobs zu befürchten sei. Es entbehrt nicht eines gewissen pikanten Reizes, die Schilderung der Altstädter Gemeinde von dem Schmutz und der Verwahrlosung der Judenstadt, die angeblich eine Brutstätte des Verderbens für die Gesundheit von Leib und Seele ist, und das Gesuch der Neustädter nebeneinanderzustellen, welche bemüht waren, das Ghetto in ihre Mauern zu übertragen „zur Zierde der Stadt". Es ist sicher, daß die Neustadt die Judensiedlung lediglich unter dem Gesichtswinkel des fiskalischen Gewinns beurteilte, welcher der Altstädter Gemeinde aus dem Aufenthalt der Juden wirklich zufloß; sie war daher entschlossen, die Bereitwilligkeit der Altstadt, die Juden aus jahrhundertelangem engen Verbände zu entlassen, zu ihrem Vorteil auszunützen. Die Neustädter unterschätzten ganz offenkundig die Kehrseite der Judensi^ Iking — auf den ausgedehnten wüsten Bauplätzen der Neustadt war es freilich nicht unmöglich, die bisherigen hygienischen Mißständen zu vermeiden —. namentlich aber unterschätzten sie die beständigen und unausgesetzten Reibereien zwischen dem christlichen und jüdischen Magistrat, welche auch dem Mangel eines einheitlichen Standpunktes der Staatsämter in der jüdischen Frage entsprangen. Man kann jedoch wahrnehmen, daß die Anschauung, als seien die Juden nichts weiter als lästige, ja gefährliche Konkurrenten der wirtschaftlichen Unternehmung der Christen, doch nicht so allgemein verbreitet war, wie es aus den nachweißenbergischen Erwägungen über den jüdischen und christlichen Handel scheinen möchte. Ebenso geht aus den Gutachten der Neustädter und der Kleinseitner Gemeinde dies hervor, selbst die religiösen Motive des nachweißenbergischen Antisemitismus vermochten nicht immer das zweifellos richtige Urteil zu trüben, daß in dem verarmten nachweißenbergischen Prag die Juden einen wichtigen und posi-

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