Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 117

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 117 (sequence 121)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2644300-2644301--0122-2644463
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

117 ausgeschaltet werden können. Durch eine Ausquartierung der Juden aus Prag, so resümierte das Gutachten der böhmischen Kammer, würde ihre Steuerleistung bedeutend herabgesetzt werden und überdies wurden die Juden der ständigen Gefahr von Angriffen seitens des christlichen Mobs preisgegeben sein. Das Gutachten der böhmischen Kammer beschränkte sich ausschließlich auf die Frage der Exstirpation, die in der Tat damals im Vordergrunde stand; zum Reduktionsprogranui; äußerte sich die Kammer vorläufig überhaupt nicht.22) Der entschieden ablehnende Standpunkt der böhmischen Kammer dem Plane einer Exstirpation der Prager Judenschaft gegenüber ergab sich, wie aus dem Gutachten klar hervorgeht, aus der fiskalischen Bedeutung der Prager Judengemeinde für den Staat, und es kann nicht wundernehmen, daß er den Juden grundsätzlich günstig war. Wie sich freilich die böhmische Kammer eine Restitution des Ghettos auf den alten Grundmauern vorstellte, was doch bedeutete, den alten Grundriß samt den engen Gäßchen zu erneuern und damit die neuen Sicherheitsforderungen zu vereinigen, ist nicht recht klar. Es scheint, daß die böhmische Kammer, die lediglich die wirtschaftliche Bedeutung der Juden vor Augen hatte, wenigstens für diesen Augenblick über die Sache nicht sonderlich nachgedacht hat; sie huldigte dem Grundsatz, der Wiederaufbau der Prager Judengemeinde sollte möglichst wenig kosten und die jüdischen Abgaben nicht in Mitleidenschaft ziehen. Dieser Standpunkt ergab sich ganz von selbst. Es überrascht aber immerhin bei der allgemeinen, sozusagen auf den ersten Blick erkennbaren antisemitischen Stimmung der damaligen Zeit, daß sich gegen die durch des Kaisers Willen sanktionierten Bittgesuche der Altstädter auch die übrigen Prager Städte entschieden ablehnend aussprachen, die Neustadt und die Kleinseite; ihrem Standpunkt traten rückhaltlos auch die Stadthauptleute bei. Der Rat der Prager Neustadt beantragte zwar am Anfange seines Ende Juli 1689 vorgelegten Memorandums, die Juden sollten hinter die Neustätdter Mauern ins Dorf Nusle ausquartiert werden, von wo sie angeblich würden bequem nach Prag kommen und ihren Geschäften nachgehen können; doch stellte er diesen Antrag bloß für den Fall, wenn der Kaiser unerbittlich avif seiner ersten Entscheidung beharren sollte, daß nämlich die Juden aus den Prager Städten restlos zu entfernen seien. Aus diesem Antrag geht hervor, daß die Neustädter bestrebt waren, die Juden auch in dem Falle in ihre Interessensphäre zu bekommen, wenn nicht ein anderer ihrer Anträge angenommen werden sollte, dem sie am meisten Raum gewährten. Im Hinblick darauf, daß die Juden, falls ihnen der Wiederaufadbu ihrer Häuser auf der Brandstätte des Ghettos dennoch gestattet werden sollte, Mangel an

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.