Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 116)
- Language
- German
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112 Mittag im Christenhause Zum schwarzen Adler in der Karpfengasse (heute Kaprova ul.) ausgebrochen, das damals dem Mitglied des Altstädter Magistrates Salomon Friedberg gehörte; wie die spätere Untersuchung ergab, was das Feuer offenbar von ruchloser Hand gelegt worden und merkwürdige Umstände, unterstützt durch heftigen Wind und sommerliche Dürre, ließen es so gewaltig um sich greifen.1) Das rasende Element ergriff in kurzer Zeit nicht bloß einen bedeutenden Teil der Altstadt, soweit sie das Ghetto umschloß, sondern sprang auch auf die Neustadt über, wo es mehr dem 150 Häuser vernichtete.2) Als die Juden entsprechend ihrer altherkömmlichen Pflicht gleich nach Ausbruch des Feuers herbeieilten, um das Haus Zum schwarzen Adler zu schützen, wurden sie an den Löscharbeiten gehindert.3) Auch der Schutz ihrer eigenen Häuser vor dem erbarmungslosen Element war ihnen unmöglich gemacht, denn die Altstädter Wasserleitung war — unbekannt, aus welchem Grunde — noch vor Ausbruch des Feuers abgesperrt worden, sodaß im kritischen Augenblicke die Wasserbehälter leer waren.4) Vom brennenden Hause Zum schwarzen Adler trieb der Wind das Feuer geradewegs in die Judenstadt, sodaß sie in wenigen Augenblicken einem Flammenmeere glich. Das aufgeschreckte jüdische Volk, namentlich Frauen und Kinder, suchten in ihrer Bestürzung begreiflicherweise Zuflucht und Schutz in den von Stein gebauten Synagogen und Häusern, und so kamen unter den Trümmern durch Verbrennen oder Ersticken mindestens an 150 Personen ums Leben.5) Das Feuer fraß in den ausgetrockneten, meist hölzernen Judenhäusern hemmungslos weiter, übersprang mit ungeheurer Geschwindigkeit die engen Gäßchen der Judenstadt und vernichtete auch großenteils die bewegliche Habe der Juden. Es war eine Katastrophe, wie sie dem Prager Ghetto bis dahin sicher unbekannt geblieben war, mochte es auch nicht die erste Heimsuchung dieses zerstörenden Elements in der Judenstadt sein: schon vor 122 Jahren, i. J. 1567, war durch ein Schadenfeuer ein Großteil der Judenstadt verheert worden, wiewohl sie allerdings damals keinen solchen Umfang hatte und auch weniger bevölkert war; desgleichen wurde anfangs des XVIL Jahrhunderts, i. J. 1603, eine nicht unbeträchtliche Anzahl jüdischer Häuser durch Feuer vernichtet.6) Unter dem unmittelbaren Eindruck des schrecklichen Schlages hatte es den Anschein, als seien die Schäden unheilbar. Später jedoch, als sich die erregten Gemüter einigermaßen beruhigt hatten und die verheerenden Flammen in der Asche erstickten, da zeigte sich, daß die Feuersbrunst trotz ihrer Ausdehnung doch nicht alles so vollständig vernichtet hatte, wie es die erste Weile scheinen wollte, und daß sich namentlich unter der dicken Aschenschicht, die die Brandstätte bis zu einer Mäch-