Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 101)
- Language
- German
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97 Toren erhielten zwar unverzüglich vom Altstädter Rat den strengen Befehl, keine fremden Juden und andre verdächtige Personen in die Stadt einzulassen, aber weil sich diese Vorkehrung als unzureichend erwies, stellte der Altstädter Magistrat das Ersuchen, die Statthalter sollten diese ernste Sache selbst in die Hände nehmen. Auf diese warnende Bitte des Altstädter Rates erließ die böhmische Kanzlei wirklich gleich am 5. November in die vier ostböhmischen Kreise die Verordnung, unter keinen Umständen den Grenzübertritt Ankömmlingen aus Polen zu gestatten, namentlich aber Juden, und bald darauf, am 9. November, wurde dieser Befehl wiederholt und durch die Bestimmung erläutert, der Grenzübergang könne nur jenen Ausländern freigegeben werden, die sich mit ihrem Paß und einer Bescheinung ausweisen, daß sie aus einer unverpesteten Gegend kommen. Die Grenzwache sollte solchen gesundheitlich einwandfreien Personen einen neuen Schein ausstellen, der an den Prager Stadttoren als Legitimation dieneu sollte. Neben den polnischen Juden hielt man für Hauptträger von ansteckenden Krankheiten, namentlich der Pest, die Zigeuner, gegen die i. J. 1678 von den Statthaltern mehrere Dekrete erlassen wurden.1) Doch die Pestseuche kam damals nach Böhmen und nach Prag nicht von Osten, aus Polen, das in jenen Zeiten wie übrigens noch später überhaupt als Brutstätte epidemischer Krankheiten galt, sondern von Süden. Die Pest vom J. 1677 blieb auf Polen beschränkt, aber im folgenden Jahre drang die Pest nach Mitteleuropa ein, und zwar vom Balkan her und i. J. 1679 sprang sie von Ungarn auf die österreichischen Länder über, ergriff Wien, von wo sie sich dann bei den damaligen unzulänglichen sanitären Vorkehrungen rasch noch im selben Jahre auch nach Mähren und dem südlichen Böhmen einschleppen ließ. Schon gegen Ende August des Jahres 1679 flüchtete Kaiser Leopold L samt seinem Hofstaat von Wien über Iglau, wo er sich etwa eine Woche aufhielt, nach Prag.2) Noch vor Ankunft des Kaisers erließen die Statthalter mehrere Verordnungen, teils an die Hauptleute der Prager Städte, teils an die Kreishauptleute, in welchen eine strenge Überwachung namentlich umherziehender Juden eingeschärft wurde. In Prag selbst wurde besonders anbefohlen, die Gassen ordentlich zu reinigen, hinlängliche Lebensmittelvorräte zu beschaffen und verdächtige Fremde von der Stadt fernzuhalten. Großes. Gewicht wurde auf eine Reinigung der Judenstadt gelegt. Die Statthalter hielten auch einige Beratungen mit den Ärzten ab, mit welchen Mitteln wohl die drohende Katastrophe von Prag abgewandt werden könne.3) Noch größer war dann der Eifer der Ämter im Kampfe gegen die nahende Epidemie, als das königliche Prager Schloß zur Zufluchtstätte des Kaisers und seines Hofes geworden war.