Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 89)
- Language
- German
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85 schließlich auch zu, es könne in Prag nachgedruckt sein —, das kam durch die amtliche Untersuchung nicht heraus. Das Appellationsgericht, das sich zuguterletzt mit dieser Angelegenheit befaßte, konnte lediglich das Erkenntnis aussprechen, es sei das Verbot auf das Absingen des inkriminierten Liedes zu erlassen, was auch geschah.80) Die angeführten Vorfälle waren durchaus nicht vereinzelt. In ihrer Beschwerdeschrift wegen des Nymburger Verschleißes der „Pravdiva a zalostivä novina" bemerkten die Juden auch, es sei ebenfalls ein Liedchen neu gedruckt worden, wie sich ein Jude habe wollen taufen lassen und wie ein Christ getötet worden sei. Ähnlicherweise hielt der Krämer SpaSek ein antijüdisches Liedel feil von einem Juden, der in Zell wegen großer Diebstähle hingerichtet worden sein sollte; das war von dem erwähnten Drucker Peter gedruckt. Fügen wir in diesen Rahmen die Jesuitenblätter über Simon Abeles, so werden wir verstehen, daß der unter dem Landvolk durch hetzerische, formell kunstlose Liedchen der Jahrmarktsänger suggestiv verbreitete Antisemitismus in den * breiten Massen des Volkes einen großen Widerhall fand. Dieser vulgäre Antisemitismus wurde auch durch die Prediger der Gegenreformation verbreitet, welche das Volk keineswegs zur Freundlichkeit gegenüber der verhaßten Judenrasse aufriefen, wie dies übrigens die Umstände bei Verbreitung des Konsistorialdekrets des Prager Erzbischofs v. J. 1698 zeigen; darüber wird noch weiter unten die Rede sein. Die amtlichen Berichte, mochten sie der Feder von Kreis- und Herrschaft sbeamten entstammen oder beim Altstädter Magistrat, ja selbst in der böhmischen Kanzlei verfaßt sein, legen davon Zeugnis ab, daß judenfeindliche Stimmung und nicht selten heftiger und offener Haß eine landläufige Zeiterscheinung waren. Es werden zwar auch in dieser Zeit Stimmen laut, die nicht von grundsätzlichem Haß und unversöhnlicher Judenfeindschaft getragen erscheinen, aber das sind vereinzelte Ausnahmen; — hieher gehört jedenfalls keineswegs der Standpunkt der böhmischen und der Hofkammer, diese waren beide lediglich von fiskalischen Rücksichten bestimmt. \ Das stärkste und am meisten betonte antijüdische Argument, das ausnahmslos in jeder zeitgenössischen christlichen Beschwerde wiederkehrt, war natürlich die jüdische Konkurrenz, also ein vorwiegend wirtschaftlicher Beweggrund; dazu gesellte sich nicht viel weniger gebieterisch das religiöse Argument, das in Verbindung mit dem gegenseitigen Rassenhaß den nachweißenbergischen Antisemitismus nicht . allein bis zum lächerlichen und haßerfüllten Pamphlet trieb, sondern sogar zu zeitweiligen stürmischen Ausbrüchen wilder Gewalt. Aber es war gleichzeitig gerade diese wirtschaftliche Kraft des Judentums, die schwer niederdrückend auf den Christen lastete, namentlich die wirt-