Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 87)
- Language
- German
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83 All dies sowie der unausgesetzte und stets wachsende jüdische wirtschaftliche Druck führte dazu, daß der Antisemitismus in der nachweißenbergischen Zeit eher stieg denn fiel. Eine symptomatische Äußerung der judenfeindlichen Stimmung auf christlicher Seite waren auch die judenfeindlichen Pamphlete und Lieder, die namentlich auf Jahrmärkten unterm Landvolk reichen Absatz fanden. Es mag jedoch als charakteristisch erwähnt werden, daß diese antijüdische Pamphletliteratur — soweit wir es in der Lage waren festzustellen — mit Ausnahme der jesuitischen Flugblätter über Simon Abeles entweder fertig oder als Vorlage aus dem angrenzenden deutschen Ausland nach Böhmen kam oder wenigstens aus der deutschen Sprache übersetzt war. Bereits i. J. 1666 erhoben die Prager Judenältesten Beschwerde darüber, daß durch antijüdische in Nürnberg gedruckte Flugblätter in vielen Kreisen Böhmens das gemeine Volk gegen die Juden aufgereizt werde, die nach ihrer Behauptung dadurch nicht allein am Broterwerb gehindert, sondern sogar an ihrem Leben bedroht werden.74) Am meisten Lärm verursachten jedoch zwei tschechische Lieder gegen die Juden, die in den Jahren 1671 und 1699 Verbreitung fanden. Das erste Lied unter dem Titel: „Pisnicka nova o zd&vna vinsovanem a jiz v skutku vykonalem vypovedeni bezbozneho a neverneho närodu zidovskeho z slavne cisafske a krälovske residenei mesta Vidne, kterez se stalo leta pominuleho 1670" erschien als Übersetzung eines deutschen judenfeindlichen Liedes, das i. J. 1670 in Wien gedruckt worden war.75) Es ist wohl nicht zweifelhaft, daß die Vertreibung der Wiener Juden auch in den böhmischen Ländern frohen Widerhall fand, und es läßt sich daher auch erklären, daß die Prager Juden mit allem Nachdruck bei den Statthaltern bittlich wurden, es wolle gegen die Verbreiter des erwähnten Hetzliedes mit allergrößter Strenge vorgegangen werden. Das „neue Lied" wurde z. B. am 28. Mai 1671 auf dem Strakonitzer Jahrmarkte gesungen und seine fahrenden Verschleißer brachten das versammelte Volk derart auf, daß es die anwesenden Juden zu bedrohen begann. Als die Lage bedenklich wurde, mußten die Hauptleute des Prachiner Kreises persönlich eingreifen und verboten das weitere Absingen; den Verschleißern wurden einige hundert Exemplare des gedruckten Liedes beschlagnahmt und beim Strakonitzer Stadtrichter deponiert. Die Prager Judenältesten beschwerten sich über diesen Vorfall bei den Statthaltern und beklagten sich dabei, daß sie nirgends im ganzen Lande lebenssicher seien und daß sie sich gar nicht mehr getrauten, aus dem Ghetto aufs Land ihrem Erwerb nachzugehen. Wie zu andern Zeiten, so hoben auch jetzt die Juden in ihrer Beschwerde hervor, daß durch ihre Beunruhigung auch die jüdischen Kontribution in Mitleidenschaft gezogen werde; sie riefen daher die Statthalter um wirksamen Schutz