Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 71

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 71 (sequence 75)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2644300-2644301--0076-2644417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

71 wurzelt war; selbstverständlich fiel es dieser Richtung auch nicht im Traume ein, sich des jüdischen Geschäftstalents zum Besten der Allgemeinheit zu bedienen. Übrigens standen auch die Gründe für den Schutz, den die böhmische und die Hofkammer den Juden zuteil werden ließen, vom volkswirtschaftlichen Standpunkt keineswegs viel höher. In der Tat begann denn nach dem Jahre 1G48 die gegenreformatorische Regierung dem jüdischen Problem größere und intensivere Aufmerksamkeit zu schenken. Erst nach Friedensschluß war die Zeit für eine nachhaltigere Auswirkung des nachweißenbergischen Antisemitismus gekommen, der auch zur Stunde seine judenfeindliche Neigung in energische Taten umzusetzen versuchte. Immerhin blieben auch jetzt die Juden nicht ganz ohne wirkungsvollen Schutz, denn mit Abschluß des kostspieligen Krieges war der Bedarf an jüdischer Kontribution keineswegs in Wegfall gekommen. Und wenn die böhmische und die Hofkammer schon früher die Juden vor der Mißgunst der politischen Ämter verteidigt hatten, so entfalteten sie jetzt eine umso emsigere Tätigkeit, da die Angriffe auf die Juden schärfer und planmäßiger geworden waren. Der wirtschaftliche Verfall, der in die zweite Hälfte des XVII. Jahrhunderts hinüberglitt und mit der Wiederkehr des Friedens umso fühlbarer wurde, vereitelte alle Hoffnungen auf Besserung der Steuerkraft der christlichen Bevölkerung, und die habsburgische Außenpolitik jener Zeit forderte wieder eine erhöhte finanzielle Anstrengung. So hatten die unerbittlichen finanziellen Gründe, welche schon vordem den Juden eine feste Stütze geboten hatten, auch zu jener Zeit nicht an Bedeutung eingebüßt. Die Situation hatte sich allerdings gegen früher insofern geändert, daß der politische Standpunkt, das Programm einer weitgehenden Schwächung der Juden, gegebenenfalls ihrer völligen Vertreibung je länger, je mehr durchzudringen begann. Die politischen Ämter entwickeln in der zweiten Hälfte des XVII. Jahrnunderts eine eifrige Tätigkeit, um nicht bloß die Judenfrage in den Bereich ihrer Kompetenz zu ziehen, sondern auch um sie im Sinne ihrer Judenfeindlichen Einstellung zu lösen. Diesem Drange gegenüber wurden die beiden Kammern nicht müde zu betonen, die Judenschaft gehöre ausschließlich in die Kompetenz der kameralen, nicht aber der politischen Staatsverwaltung, und eine radikale Lösung der jüdischen Fragen sei in Hinblick auf die Staatsfinanzen unmöglich. Darin prallten zwei grundsätzlich verschiedene sachliche Gesichtspunkte aneinander, die sich auch auf das formale Gebiet der Kompetenz übertrugen. Diesen grundsätzlichen sachlichen und Kompetenzstreit verstanden die Juden sehr gewandt zu ihrem Vorteil auszunützen. Den ganzen Zeitraum hindurch, von der Weißenbergschlacht bis zur Regierung Maria

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.