Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 69

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 69 (sequence 73)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2644300-2644301--0074-2644415
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

69 hältnissen nach der großen Pest v. J. 1680, über die weiter unten ausführlich die Rede sein wird, führt zum Schlüsse, daß nach der Pest i. J. 1639 im Ghetto kaum an 5.000 Menschen zurückblieben. Doch dieser bedeutende Populationsverlust wurde verhältnismäßig bald wieder ersetzt. Eine der Ursachen des raschen Anwachsens der jüdischen Bevölkerung — und das gilt auch für die spätere Zeit — war die große Fruchtbarkeit der jüdischen Rasse, eine Fruchtbarkeit, die noch dadurch gesteigert wurde, daß sich die Juden sozusagen noch im Knabenalter43) einen Hausstand gründeten. Ein anderer, nicht minder wichtiger Umstand war, daß ins Prager Ghetto allen strengen amtlichen Verboten zum Trotz ein steter Zuzug zahlreicher fremder Juden stattfand, namentlich aus Polen, da sie in Prag bessere Existenzbedingungen fanden. Freilich wie die christlichen Ämter, so sahen auch die ansässigen Prager Juden die Ankunft der größtenteils armen polnischen Juden nicht sonderlich gern, da die Ankömmlinge nicht allein außerstande waren, zur schweren Judenkontribution beizusteuern, sondern im Gegenteil oft die Mildtätigkeit ihrer reicheren Glaubensgenossen in Anspruch nahmen und außerdem durch ihre Jagd nach armseligem Erwerb der ansässigen jüdischen Bevölkerung des Prager Ghettos bei den christlichen Ämtern viel Unannehmlichkeiten verursachten.44) Der Judenhaß der Christen ging schon während des 30jährigen Krieges zeitweise, namentlich auf dem Lande, von Worten zu radikalen 'Taten über. Namentlich die Provinzstädte suchten sich der unangenehmen und zudringlichen Parasiten zu entledigen, sodaß bereits i. J. 1628 die Herausgabe45) und i. J. 1630 die Wiederholung46) der Anordnung notwendig wurde, daß die Juden nicht mit Gewalt von jenen Orten vertrieben werden dürften, wo sie damals ansässig waren. Trotzdem aber wurden in den folgenden Jahren — wie aus zahlreichen jüdischen Beschwerden hervorgeht — die Juden aus Leitomischl, Eger, Görkau, Eidlitz und noch anderen Städten in Böhmen ausgewiesen. Dieser judenfeindliche Druck konnte sich umso eher auswirken, als sich einzelne Städte entgegen dem allgemeinen Judenschutzbefehl auf ihre Partikularprivilegien berufen konnten, die ihnen ebenfalls von Ferdinand II. selbst erteilt oder wenigstens bestätigt worden waren. So hatten z. B. die Rakonitzer i. J. 1628 ein Privileg erhalten, „weder Juden aufzunehmen, noch auch fürderhin demselben heiligen katholischen Glauben widerstrebende Bürger und Bürgerinnen, Hausgenossen und -genossinnen sowie Juden in ihrer Mitte in der Stadt oder in der Vorstadt zu dulden und ihnen hier einen Aufenthalt zu gönnen, da sie nicht dazu verpflichtet sind."47) In ähnlicher Weise beriefen sich i. J. 1636 die Leitmeritzer auf Privilegien Ferdinands I., die ihnen i. J. 1546 und 1547 erteilt und von Ferdinand H. i. J. 1628 bestätigt worden waren und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.